Jesus sprach: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt. Vergebt, so

wird euch vergeben.

Gebt, so wird euch gegeben. Ein volles, gedrücktes, gerütteltes und überfließendes Maß wird man in euren Schoß geben; denn eben mit dem Maß, mit dem ihr messt, wird man euch zumessen.

Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, danach kannst du sehen und den Splitter aus deines Bruders Auge ziehen.“ (aus Lukas 6)

Liebe Gemeinde,

in einer Gemeindeversammlung denken wir nach über das, was wir für die Menschen tun, die mit uns durch die Taufe und den Glauben verbunden sind. So planen und tun wir unsere Dienste in der Verantwortung vor Gott.

Genau dieses „vor Gott verantworten“ prägt auch den heutigen Sonntag Septuagesimae: Er erinnert uns in der Schriftlesung daran, dass Gottes Maßstäbe geprägt sind von Liebe und von Barmherzigkeit. Von Barmherzigkeit reden wir selbst recht gerne – barmherzig zu sein, ist freilich wesentlich schwerer. Es bleibt festzuhalten: Gott lädt uns alle ein zur Barmherzigkeit.

Dass es in unserem Leben oft anders aussieht, das wissen wir alle. Und vielleicht erkennen wir ein Stück weit uns selbst in der folgenden Geschichte:

Ein junges Ehepaar zieht in eine neue Nachbarschaft. Am nächsten Morgen beim Frühstück sieht die junge Frau draußen ihre Nachbarin beim Aufhängen der Wäsche. Sie sagt zu ihrem Mann: „Schau mal, wie schmutzig die Wäsche unserer Nachbarin noch ist. Sie weiß nicht, wie man richtig wäscht. Vielleicht braucht sie auch ein besseres Waschmittel.“ - Ihr Mann sieht hin, bleibt aber still.

Jedes Mal wenn ihre Nachbarin die Wäsche zum Trocknen aufhängt, macht die junge Frau die gleiche Bemerkung: „Schau mal, wie schmutzig die Wäsche unserer Nachbarin noch ist.“

Ungefähr einen Monat später, sieht die Frau schöne saubere Wäsche an der Leine hängen und sagt zu ihrem Mann überrascht: „Schau, sie hat gelernt wie man richtig wäscht! Ich frage mich, wer ihr das beigebracht hat.“

Da antwortet ihr Mann: „Heute Morgen bin ich früh aufgestanden, und habe unsere Fenster geputzt.“

Eine eindrückliche Geschichte. Sie erinnert uns daran: Was wir beim Betrachten anderer sehen, hängt oft nur von der barmherzigen oder unbarmherzigen Weise ab, mit der wir andere anschauen.

Nichts anderes hat Jesus gesagt. Und es würde mich nicht wundern, wenn am Jüngsten Tag Jesu einzige Frage an uns lauten würde: „Wie barmherzig bist du gewesen und wie brennend hast du geliebt?“

Amen.