Liebe Gemeinde,

was wir in der Schriftlesung gehört haben, das klingt so logisch und einsichtig: „Alles hat seine Zeit.“ Und doch ist es, glaube ich, eine verloren gegangene Kunst, allem seine Zeit zu lassen. Denn wir

leben in vielen Bereichen so, dass alles zu jeder Zeit verfügbar sein oder geschehen muss. Dazu ein paar Beispiele:

Wenn ihr von der Schule kommt, dann ist ja etwas – aus Schülersicht – Lästiges dran: Hausaufgaben. Dabei würdet ihr ja lieber ans Handy gehen oder an die Konsole. Und wenn eure Mutter oder euer Vater dann sagt: „Jetzt nicht, alles zu seiner Zeit“, dann kriegt ihr – mindestens – einen dicken Hals…

"Alles hat seine Zeit" – danach leben auch wir Erwachsenen nicht, zum Beispiel beim Einkaufen: Da finden wir alles zu jeder Zeit: Erdbeeren im November, Ostereier im Januar, Birnen im April und, und, und! Und was tun wir? Meistens kaufen wir das auch. Von wegen „Alles hat seine Zeit“…

Apropos einkaufen: Es gibt Supermärkte mit einer Wochenöffnungszeit von über 80 Stunden. Im Gott-freien Berlin kann man sonntags rund um die Uhr einkaufen. Ich entsinne mich an Zeiten, da haben alle Läden samstags um spätestens 13 Uhr geschlossen und dann gab es bis montags nichts mehr zu kaufen. Und wisst ihr was? Es ist niemand verhungert!

"Alles hat seine Zeit" – heißt dieser so wichtige biblische Satz; aber den dazu gehörenden Umkehrsatz, den treten wir mit Füßen, dabei ist er doch genauso wichtig und heißt: „Manches ist zu einer bestimmten Zeit einfach nicht dran.“

So mahnt Gott uns, günstige und falsche Zeitpunkte zu unterscheiden. Anders ausgedrückt: allen Dingen ihre eigene Zeit zu lassen. Dazu braucht es aber oft Geduld - und Gottvertrauen.

Geduld brauchen wir - gerade wenn Dinge sich nicht so schnell und in die Richtung entwickeln, wie wir es gerne hätten. Das gab es schon immer. Auch Jesu Jünger vor 2000 Jahren waren Menschen, die gerne auf einen Schlag den großen Wurf getätigt hätten: Von jetzt auf nachher sollte das Reich Gottes anbrechen - das wollten sie. Und denen hat Jesus ein Gleichnis erzählt, das wir im 4. Kapitel des Markusevangeliums finden:

Und Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst – er weiß nicht wie. Von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn aber die Frucht reif ist, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

Zwei Worte sind da ganz wichtig - "von selbst". Von selbst wird der ausgesäte Samen wachsen; von selbst wird die Erde Frucht bringen; von selbst wird das Reich Gottes wachsen.

Wenn all das, was wir anstreben, von selbst wachsen soll und wird, dann heißt das im Blick auf uns selbst: Wir müssen uns selber und unseren eigenen Beitrag zum Wachsen des Reiches Gottes nicht ganz so wichtig nehmen. Das ist nicht leicht.

  1. B. machen wir uns im Kirchengemeinderat Gedanken darüber, wie wir unsere Gemeinde mit Leben erfüllen können. Im Gleichnis sagt Jesus aber: Was ihr bewirken wollt, wird von selbst geschehen. Es wird alles in Gang kommen - mit der Zeit. Diese Zeit müsst ihr dem wachsenden Reich Gottes lassen.

Nun blicke ich auf unsere Kirchengemeinde und frage: Sollen wir wirklich einfach allem Zeit lassen? Können wir gar nichts dagegen tun, dass so viele Menschen NICHT zum Gottesdienst kommen? Dass so wenige Menschen hier eine geistliche Heimat finden? Können wir gar nichts dagegen tun, dass viele junge Menschen nach der Konfirmation einen weiten Bogen um die Kirche machen?

Jesu Gleichnis lenkt unseren ungeduldigen Blick in eine andere Richtung. Es sagt uns: „Das Reich Gottes wächst nicht so, wie ihr es gerne hättet. Der Glaube breitet sich nicht so aus, wie ihr euch das vorstellt; und vor allem nicht so schnell. Schaut euch doch einmal,“ sagt Jesus, „in der Natur um. Wenn ihr etwas aussät, dann müsst ihr das doch auch eine ganze Weile liegen lassen. Ihr müsst warten; dem, was wachsen soll, müsst ihr Zeit lassen. Alles hat seine Zeit - das gilt auch für das Wachsen. Ihr säet jetzt – aber erst viel später wird dann die Ernte da sein.“

O, wie ungerne ich das höre - allem seine Zeit zu lassen! Ich möchte als Pfarrer doch die Frucht sehen, möchten wissen, ob meine Mühen sich lohnen. Aber Gottes Ordnung, Gottes Zeitplan spannt einen viel weiteren Bogen.

Nun hat Jesus dieses Gleichnis nicht nur für Pfarrer erzählt. Jesus redet auch andere an und sagt:

„Ihr Jugendlichen, manchmal verzweifelt ihr fast daran, dass ihr dieses noch nicht könnt, etwas Anderes noch nicht dürft. Und es dauert noch so lange bis zum Erwachsenwerden. Aber Gott sagt zu euch: ‚Lasst mir die Zeit, an euch zu arbeiten. Euer Leben wir gelingen, wenn ihr mich machen lasst.‘“

Jesus redet auch alle Eltern an und sagt: „Ihr Eltern, mit der Taufe habt ihr mir eure Kinder anvertraut. Sorgt euch nicht Tag und Nacht um sie. Wenn Gott die Saat auf dem Feld wachsen lässt - sollte er dann nicht erst recht seinen Segen zum Gedeihen eurer Kinder geben? Lasst Raum für Gott."

Liebe Gemeinde, in allen Lebensbereichen – in unseren Familien, in unseren Beziehungen und Ehen, in euren Schulklassen, an allen Arbeitsplätzen, in der Kirche – überall sagt uns dieses Gleichnis immer das gleiche: "Lasst allem seine Zeit, habt Geduld, weil über allem Wachsen Gott steht."

Geduldig sein ist so schwer: Da würden wir manches so gerne von heute auf morgen ändern, aber Veränderung und Wachstum brauchen Zeit. Manchmal ist unsere Geduld auf eine harte Probe gestellt. Es ist leicht gesagt, dass wir den Dingen ihren Raum und ihre Zeit lassen sollen; aber bis wir so weit sind, brauchen wir manchmal sehr viel Geduld und Gottvertrauen.

Bei allem Gottvertrauen fordert uns das Gleichnis nicht zur Trägheit auf! Natürlich sollen wir weiter planen und uns engagieren - für unser eigenes Leben, für unsere Familie, für unsere Arbeit, für das Leben unserer Gemeinde und dafür, dass das Reich Gottes in dieser Welt weiterwächst. Aber das Gleichnis sagt uns auch: Vergiss über all deinem Planen nicht, dass dahinter Gott steht. Traue ihm zu, dass er zu dem, um das du dich so mühst, auch seinen Segen dazu gibt. Du musst nicht alles selber tun. So erledige du deinen Teil - und lass zu, dass Gott mit dir und manchmal auch an dir arbeitet; und vergiss vor allem nicht, dass du mit deinen Nöten einen geduldigen Zuhörer hast, wenn du zu Gott betest. Und worum du Gott bittest, er kann es dir schenken, wenn du ihm Zeit lässt.

Amen.