Liebe Gemeinde,

Fastnacht ist vorbei, die Uhren ticken wieder normal, die meisten Menschen auch. Nun hat die Passionszeit begonnen, die uns an Jesu Leidensweg erinnert und an den Grund von Jesu Leiden: die Sündhaftigkeit von uns Menschen.

Der Begriff Sünde wird heute oft verharmlost - von dem Schlager „Wir sind alle kleine Sünderlein“ angefangen bis hin

zu dem Brauch mancher Narrenzünfte, sich nach Fastnacht durch den so genannten Büßerschluck von Sünden selbst zu befreien.

Aber im Gottesdienst denken wir ernsthaft über die Sünde nach. Eine Sünde ist das, was mich von Gott trennt, was ich gegen Gottes Willen getan habe. Das Paradebeispiel dafür finden wir im für heute vorgegebenen Bibeltext aus dem 1. Buch Mose, der uns mitnimmt ins Paradies und zu Adam und Eva:

Die Schlange war listiger als alle anderen Tiere, die Gott, der Herr, gemacht hatte. "Sollte Gott wirklich gesagt haben, dass ihr von keinem Baum die Früchte essen dürft?", fragte sie die Frau. "Natürlich dürfen wir", antwortete die Frau, "nur von dem Baum in der Mitte des Gartens nicht. Gott hat gesagt: 'Esst nicht von seinen Früchten, ja - berührt sie nicht einmal, sonst müsst ihr sterben!'" "Unsinn! Ihr werdet nicht sterben", sagte die Schlange. "Gott weiß: Wenn ihr davon esst, werden eure Augen geöffnet - ihr werdet sein wie Gott und wissen, was Gut und Böse ist."

Die Frau schaute den Baum an, pflückte eine Frucht, biss hinein und reichte sie ihrem Mann. Auch er aß davon. Da gingen beiden die Augen auf, und ihnen wurde bewusst, dass sie nackt waren. Hastig flochten sie Feigenblätter zusammen und machten sich einen Lendenschurz.

Am Abend, als ein frischer Wind aufkam, hörten sie, wie Gott, der Herr, im Garten umherging. Ängstlich versteckten sie sich vor ihm hinter den Bäumen. Aber Gott rief: "Adam, wo bist du?"Adam antwortete: "Ich hörte dich im Garten und hatte Angst, weil ich nackt bin. Darum habe ich mich versteckt." "Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist?", fragte Gott. "Hast du etwa von den verbotenen Früchten gegessen?" "Ja", gestand Adam, "aber die Frau, die du mir gegeben hast, reichte mir eine Frucht - deswegen habe ich davon gegessen!" "Warum hast du das getan?", wandte der Herr sich an die Frau. "Die Schlange hat mich dazu verführt!", verteidigte sie sich.

An diesem Tag verbannte Gott Adam und Eva aus dem Paradies.

Vor zwei Wochen habe ich im Religionsunterricht mit meinen Zwölftklässlern über diesen Bibeltext gesprochen. Einer sagte zum Beispiel: „Warum verbietet Gott Adam und Eva von dem Baum zu essen? Er sollte doch wissen wie der Mensch tickt.”

Wir dachten dann darüber nach, „wie der Mensch tickt“ – also: was typisches menschliches Verhalten sein könnte. Da kamen folgende Antworten: „Menschen sind neugierig.“– „Der Mensch besitzt seinen eigenen Willen.“ – „Wir haben große Freiheiten und sind keine Marionetten Gottes.“ - „Menschen wollen Grenzen überschreiten.“

Das waren sehr anregende Gedanken junger Menschen. Und für mich bleibt diese biblische Erzählung, obwohl ich sie schon x Mal gehört, gelesen und gepredigt habe, eine spannende Geschichte.

Mit nur wenigen Worten bringt die Schlange zwei Menschen dazu, gegen Gottes Willen zu verstoßen, nämlich mit einer Frage: "Ja, sollte Gott gesagt haben, ihr sollt nicht von allen Bäumen im Garten essen?" Mit dieser Frage nahm das Unheil seinen Lauf.

Ich vermute, dass diese vier Worte auch in unserem Leben immer wieder auftauchen: "Sollte Gott gesagt haben?" Wir stellen uns diese Frage öfter, als uns das bewusst ist - oft beantworten wir sie uns so wie Adam und Eva: "Nein, so kann Gott das ja nicht gemeint haben." Und dann schalten wir das ein, was wir unseren gesunden Menschenverstand nennen, und tun, was wir für richtig halten.

Dieses eigenständige Tun, das den Willen Gottes nicht ernst nimmt, das ist unsere Sünde, und die holt uns in den verschiedensten Bereichen unseres Lebens immer wieder ein.

"Ja, sollte Gott gesagt haben?" Momente, in denen wir Gottes Willen in unserem Sinn umdeuten, gibt es häufig, dazu drei Beispiele:

Etwa bei Jesu Gebot, wir sollten uns nicht irdische, sondern himmlische Schätze sammeln. "Sollte Jesus gemeint haben, dass wir arm bleiben sollen?" fragen wir uns. Unser Verstand verneint das sofort, und so schließen wir den Kompromiss, indem wir auf Gott vertrauen, aber uns natürlich auch - mitunter gewaltige - Polster an Besitz und Geld verschaffen.

Ein anderes Beispiel: Der Umgang mit unseren Mitmenschen fällt uns sehr leicht, wenn wir uns verstehen und mögen. Aber Jesus hat auch gesagt: "Du sollst deinen Feind lieben. Wenn er dich auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm die linke hin." Natürlich fragen wir uns auch hier: "Sollte Jesus das wortwörtlich so gemeint haben?" Unser gesunder Menschenverstand beruhigt uns und sagt: "Nimm's nicht zu wörtlich. Du musst dich nicht ausnutzen lassen. Wenn du es nicht mehr aushältst, dann schlag halt zurück, ist schon o.k. so."

Ein letztes Beispiel: "Wer mich bekennt vor meinem himmlischen Vater, zu dem werde auch ich mich am Ende bekennen", hat Jesus gesagt. Sollte es wirklich so streng zugehen am Jüngsten Tag? fragen wir uns, und verneinen das, denn Gott, trösten wir uns, der ist barmherzig, der liebt uns alle, da brauchen wir nichts dazutun. Gott braucht das sicher nicht, dass wir uns zu ihm bekennen, ich glaube auch so an ihn, und ein, zweimal im Jahr zum Gottesdienst zu gehen, das reicht aus. So streng, wie es in der Bibel steht, wird Jesus es schon nicht gemeint haben. So denken viele.

So ticken wir Menschen. Wir sagen "Gott kann unmöglich erwarten" oder "Diese Bibelstelle kann auf keinen Fall wörtlich gemeint sein" oder "Jenes Gebot müssen wir erst in die heutige Zeit übertragen".

Auf diese Weise, liebe Gemeinde, biegen wir uns unseren Gott manchmal ganz schön zurecht und zimmern uns unsere eigenen Gottesbilder - schön nach unseren eigenen Vorstellungen, schön so, dass Gott in unser eigenes Gottesbild vernünftig hineinpasst.

Und leider beschreiten ja nicht nur wir kleinen Lichter diesen Weg. Manchmal habe ich den Eindruck, dass auch die Kirche ihren Gott und sein Wort nicht mehr so ernst nimmt. Da wird weniger von Gemeindegliedern gesprochen als von Kunden der Kirche, Angebote der Gemeinden werden von Marktforschungsinstituten als Markt durchleuchtet, die Einladung zum Glauben nimmt manchmal genau die gleichen billigen Formen an wie wir sie in der Werbung immer wieder sehen. Und modern muss alles sein: "Wenn Jesus heute auf die Erde kommen würde," war kürzlich zu lesen, "dann würde er das Internet nutzen; Paulus würde Mails schicken, usw."

Sollte Jesus gesagt haben: "Seid modern! Liefert euch den Moden aus! Tut alles, was ihr könnt, um in aller Leute Munde zu sein!" Wissen Sie, was Jesus gesagt hat? "Gehet hin und macht zu Jüngern alle Völker. Taufet sie und lehret sie zu halten alles, was ich euch befohlen habe. Ich bin bei euch an allen Tagen bis der Welt Ende."

Ich denke mir immer öfter, dass das genug ist: Wir verkündigen mit Wort und Tat sein Wort, laden andere ein zum Glauben, hören auf, es allen recht machen zu wollen. Jeder Mensch kann dann selbst entscheiden, ob er als Christ leben will oder nicht.

Wobei auch wir Christen keinen Deut bessere Menschen sind. Immer wieder gibt es Situationen, in denen wir nicht nach Gottes Willen leben. Auf diese Weise ist vieles sündig und brüchig in unserem Leben. Aber wir dürfen, und das ist das Entscheidende, wir dürfen Gott darum bitten, dass er uns und unser Leben neu macht. Und wenn wir das wirklich wollen, wird es Gott auch gelingen.

Amen.