Liebe Gemeinde,

dieser 3. Passionssonntag fragt: Wie schaffe ich es, als Christ zu leben, also als einer, der so lebt, wie Jesus es wollte?

Die Schriftlesung, die wir gehört haben, enthält viele Anregungen: Vermeide Unzucht, Habgier und böses Geschwätz, lebe so, dass man auch in deinem Leben den Glanz Jesu durchscheinen sieht, der von sich gesagt hat: „Ich bin das Licht der Welt.“

Eine weitere, ganz andere Antwort

steht im Markusevangelium im 12. Kapitel, dem für die heutige Predigt vorgegebenen Bibelabschnitt. Da erzählt der Evangelist folgendes:

„Als Jesus im Tempel in Jerusalem dem Opferkasten gegenübersaß, sah er zu, wie die Leute Geld in den Kasten warfen. Viele Reiche kamen und gaben viel. Es kam auch eine arme Witwe und warf zwei kleine Münzen hinein. Danach rief Jesus seine Jünger zu sich und sagte: „Ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle andern. Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hergegeben; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß, ihren ganzen Lebensunterhalt.“

Wie tue ich, was Gott von mir will? Die Antwort der Witwe heißt: „Ich gebe Gott, was ich habe.“ So wirft sie alles, was sie hat, in den Opferkasten, in dem Spenden für die Armen gesammelt werden. Damals gibt es noch keine Renten, die Witwe lebt von der Hand in den Mund, und trotzdem spendet sie für die Armen; das ist fast unglaublich, sie gehört ja selbst zu den Armen! – Genau das geschieht heute noch immer, und es berührt mich sehr, wenn mir eine ältere Frau Geld zusteckt mit den Worten: „Geben Sie es jemandem, der es dringender braucht als ich.“ Dabei weiß ich ganz genau, dass diese Frau es genauso dringend für sich selbst braucht. Oder ein alter Mensch drückt mir ein Kuvert in die Hand und sagt: „Nehmen Sie das bitte. Ich weiß, es ist nicht viel. Aber mehr habe ich nicht.“ Hinterher finde im Kuvert 10 oder 20 Euro – das ist doch nicht wenig! Da wiederholt sich dann einiges aus unserer biblischen Geschichte!   

Wir haben am Mittwoch im Treffpunkt Bibel ganz ausführlich über diese Geschichte gesprochen. Und als erstes sind wir mit unseren Gedanken an diesem Opferkasten gelandet: Der hing nicht einfach so da. Neben dem Opferkasten stand ein Tempelbediensteter, der rief immer laut den Betrag, der gerade gespendet wurde, aus. Gerade reiche Menschen konnten so einiges für ihr Ansehen tun. Und wenn dann mal laut verkündigt wurde „10 Silberstücke“, wollten die Tempelbesucher schon mal den bewundern, der so großzügig an die Armen gedacht hatte und der sich dessen sicher sein konnte, dass man ihn nun voller Achtung anblickte.

Dass sie voller Achtung angeblickt wird, das kann die alte Witwe nicht von sich sagen. Als sie an den Opferkasten kommt, achtet niemand auf sie. Von ihr erwartet auch niemand etwas. Und als dann die zwei kleinen Münzen ganz leise im Opferkasten klimpern, ist sie wahrscheinlich ganz froh, dass der Tempelbedienstete jetzt nicht auch noch hinausposaunt: „Gerade wurden zwei Scherflein gespendet.“ Zwei Scherflein, wegen so etwas lohnte es sich wahrlich nicht, den Mund aufzumachen.

Aber der Tempelbedienstete, der dieser Witwe allenfalls einen mitleidigen, abschätzigen Blick schenkt, ist nicht der einzige, der das Geschehen verfolgt. Nahe am Opferkasten sitzt Jesus. Eine Weile hat er das Geschehen beobachtet und hat sich die Menschen angeschaut: die, die vorbeigehastet sind; die Reichen, die viel gespendet haben; und dann ist sein Blick an der armen Witwe hängen geblieben. Fasziniert beobachtet er, dass sie wirklich alles gibt, was sie hat. So sagt Jesus seinen Jüngern, dass eben diese Frau von allen am meisten gegeben hat.

Fast 2000 Jahre ist das her. Wir hören diese Geschichte heute als Menschen, die kaum materielle Not haben und für die im Wesentlichen gesorgt ist. Was will diese Geschichte von uns? Dass wir mehr geben? Dass wir alles geben? Dass wir den zehnten Teil unseres Einkommens spenden? Dass ihr Jugendlichen jeden Sonntag 10% eures Taschengelds am Ausgang in den Opferkasten werft? Oder dass ein Mensch, der von Hartz-IV leben muss, sein ganzes Geld für die Diakonie spendet?

Ich glaube, diese Geschichte steht nicht in der Bibel, damit wir mehr spenden, sondern weil sie uns zeigt, was Nachfolge, was Christsein auch bedeuten kann, und zwar an drei Punkten:

Der erste Punkt heißt Gottvertrauen. Diese namenlose Witwe gehört für mich zu den großen Glaubensgestalten der Bibel! Sie ist zwar arm, aber nicht bedauernswert. Denn ihr Leben enthält als großen Reichtum ihr Gottvertrauen. Sie weiß: „Ich bin in Gottes Hand, und Gott wird für mich schon sorgen.“ Als sie sich von den zwei Münzen trennt, die ihr noch geblieben sind, trennt sie sich auch von ihren Sorgen. Und während wir oft sorgenvoll Kontoauszüge und Börsenkurse anschauen und damit viel Lebensfreude auf der Strecke lassen, erlebt die Witwe die Freiheit der Kinder Gottes, die alles, wirklich alles, von Gott erhoffen dürfen.

Als zweites stellt uns diese Geschichte eine Frage: Was bringst du für die Sache Gottes ein? Damit ist auch Geld gemeint, klar, denn die Verbreitung des Evangeliums ist mit Kosten verbunden. Spenden ist nicht verboten. Aber Geldspenden sind nicht alles. „Was bringst du für die Sache Gottes ein?“ Das fragt auch danach, ob wir bereit sind, einen Teil unserer Lebenszeit für Gott und unsere Mitmenschen zu investieren. Viele tun das, manche ganz im Verborgenen, manche mit Ämtern und Diensten, und es ist mir ein großes Bedürfnis, jetzt und hier im Gottesdienst all denen von Herzen zu danken, die als Ehrenamtliche einen Teil ihrer Zeit unserer Kirchengemeinde und damit auch Gott schenken.

Und dann zeigt diese Geschichte uns als drittes, was auch noch zum Christsein gehört: der richtige Blick. Wen und was siehst du, wenn du deinen Mitmenschen anschaust? Klar, wir kennen alle den Ausspruch „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche bleibt für die Augen unsichtbar“. Aber wir halten uns nicht daran. Wer viel kann, der ist angesehen; und wer viel hat, sowieso. Aber Jesus hat die Sichtverhältnisse umgedreht. Er schaut zunächst ins Herz und erst von dort aus auf die Hand. Nur wer Menschen ganz anschaut, kann sie ganz erkennen.

Diesen zweiten Blick hat Jesus der armen Witwe geschenkt – dieser Frau, die sich einfach ganz Gott anvertraute. Und vielleicht ist genau das der Zielpunkt dieser Geschichte: dass wir alle ein Stück weit so werden dürfen wie die Witwe, indem wir uns Gott noch mehr anvertrauen und Gott noch viel mehr in unserem Leben machen lassen.

Amen.