Liebe Gemeinde,

ein irgendwie merkwürdiger Tag ist er, der Palmsonntag. Für mich hat er etwas Heimeliges und Heiteres an sich, hat zu tun mit Frühling und irgendwo auch schon mit Ostern. Aber der Theologe in mir sagt:

„Halt! Der Palmsonntag ist ein ernster Tag, da beginnt die Karwoche. Er ist weniger der Sonntag vor Ostern als der Sonntag vor dem Karfreitag: der Anfang vom Ende. Und dieses Ende nahm seinen Anfang mit Jesu Einzug in Jerusalem, den uns das Evangelium des  Johannes so bnes:

Eine große Menge Menschen war nach Jerusalem zum Passahfest gekommen. Als diese Menschen hörten, dass auch Jesus nach Jerusalem käme, nahmen sie Palmzweige und gingen hinaus ihm entgegen und riefen: „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn, der König von Israel!“

Jesus aber ritt auf einem jungen Esel, wie geschrieben steht: »Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen.«

Das verstanden seine Jünger zuerst nicht; doch als Jesus verherrlicht war, da dachten sie daran, dass dies von ihm geschrieben stand und man so mit ihm getan hatte.

Das Volk aber, das dabei gewesen war, als Jesus Lazarus aus dem Grabe rief und von den Toten auferweckt hatte, rühmte die Tat. Darum ging ihm auch die Menge entgegen, weil sie hörte, er habe dieses Zeichen getan.

Die Pharisäer aber sprachen untereinander: „Seht, wir richten nichts aus; siehe, alle Welt läuft ihm nach.“

Wenn wir genau hinhören, vernehmen wir einen drohenden Unterton. Das Unheil ist voraussehbar: Gegen die unheilvolle Allianz von korrupten Römern und Pharisäern, die sich gegen jede Erneuerung ihres Glaubens wehren, wird Jesus keine Chance haben.

Ein römisches Sprichwort sagte damals: „Wer sich in Gefahren begibt, kommt in ihnen um.“ Auch Jesus wusste das – aber warum ging er dorthin, wo das Leid wartete? Petrus hatte ihn gewarnt, wollte gar eine sichere Hütte für Jesus bauen. Und nachdem Jesus gesagt hatte: „Ich werde viel leiden müssen“, hatte Petrus heftig protestiert. Aber Jesus hatte Petrus entgegengehalten: „Du denkst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist!“

Menschlich heißt hier: Es wäre für Jesus leicht gewesen, als Wundertäter zu leben. Er hätte sich ins sichere Kapernaum zurückziehen können, wo sein Wirken segensreiche Spuren hinterlassen hatte. Ohne Belästigung durch die Römer oder die Tempelgelehrten hätte Jesus eine Gemeinschaft gründen können, ein Zentrum für geistliche Erneuerung würde man das heute nennen. Und seine vielen Anhänger wären dorthin geströmt – zu Hunderten, zu Tausenden hätten sie Jesu Worte aufgesogen und weitergesagt.

Jesus hätte es so einfach haben können. Doch er wusste, dass Gott mehr von ihm erwartete als ein Leben wo sie ihm eh schon zustimmten. Jesus wollte, dass die Menschen sich entscheiden für oder gegen Gottes Wort, und zwar dort, wo das Zentrum der Macht und der Religion nebeneinanderstanden: der Palast des Pilatus und der Tempel. So begann Jesu Leidensweg, weil er ehrlich war und Gott gehorchte. Ähnlich war das auch bei Dietrich Bonhoeffer, der heute vor 72 Jahren im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde. Freunde beknieten ihn, in den USA zu bleiben, wo er vor den Nationalsozialisten sicher war. Aber weil er Jesus nachfolgen wollte, kehrte er nach Deutschland zurück und wurde von den Nazis ermordet, deren Teufelwerk er entlarvt hatte.

„Selig seid ihr, wenn euch die Leute um meinetwillen schmähen und verfolgen“ die letzte Seligpreisung galt für Jesus, für Dietrich Bonhoeffer - sie gilt bis heute auch uns als Gemeinschaft derer, die in seine Nachfolge gerufen sind. Denn auch die Kirche leidet, wo sie ehrlich ist. Wo klare und auch unangenehme Worte gesprochen werden, gehen nicht viele Menschen hin. Daher werden immer mehr Wohlfühlgottesdienste angeboten, und in denen verschwindet das Wort Gottes langsam aus dem Mittelpunkt. Da darf dann auch mal die Predigt fehlen, Hauptsache es wird musiziert, flott gesungen, getanzt, gesalbt, gebeamt oder Spektakuläres geboten - dann ist der Gottesdienst gut! Wissen Sie was, ich kann das auch, ich habe sogar ein Zertifikat für geistliches Tanzen! Ich könnte auch hier mit Bällen jonglieren, ich könnte Menschen von ihren Bekehrungen erzählen lassen, ich könnte jede Menge an Spektakel anbieten – aber Gott erwartet von unseren Gottesdiensten etwas Anderes: nämlich, dass auch das Unbequeme, das in Gottes Wort steckt, immer wieder gesagt wird. „Das Wort vom Kreuz ist töricht vor der Welt“ hat der Apostel Paulus geschrieben. „Uns aber ist es eine Gottesgabe.“

So erinnert der Palmsonntag uns an die Aufgabe, die wir Christen alle haben: Gottes Wort weitersagen, selbst da, wo es unbequem wird; kompromisslos die Sache Gottes bekennen, auch wenn wir uns keine Freunde damit machen. Mich erinnert das an eine Fußballweisheit: Erfolg hat die Mannschaft, deren Spieler dorthin gehen, wo es wehtut, und die Zweikämpfe nicht scheut.

Wir wollen auch Erfolg haben, als einzelne Christen und als Kirchengemeinde. Und da es gibt Situationen genug, wo es weh tut: unbequeme Wahrheiten benennen; Streiten mit Politikern und Behörden, wenn sie ungerechte Beschlüsse fassen; kämpfen gegen die Aushöhlung des Sonntags, selbst wenn das ganze Dorf das anders sieht – und und und: Ein riesiges Betätigungsfeld liegt vor uns, Gott braucht uns alle, weil unsere Zeit von allen Menschen das gleiche verlangt wie damals: eine Entscheidung für oder gegen Jesus.

Liebe Gemeinde, wir müssen – und dürfen! – Jesu Wort und Willen bekennen vor der Welt, auch vor denen, die uns auslachen. Und dazu kann Jesus uns brauchen – welch großes Zutrauen hat er zu jedem und jeder von uns.

Darum: auf ans Werk! Auch da, wo es weh tut! Und wenn wir Schiffbruch erleiden, wenn unsere Mühen fehlschlagen, dann dürfen wir nach Jerusalem blicken: Da war auch einer gescheitert, die Sache Jesu schien ein für allemal vorbei – dabei war das vermeintliche Ende der Anfang von etwas ganz Neuem, das seit 2000 Jahren Menschen Mut macht, Jesu Weg nachzugehen und, komme, was da wolle, bei Jesus zu bleiben.

Amen.