Liebe Gemeinde,

das erste und letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern - in vielfältiger Form haben es Maler aus allen Zeiten festgehalten - Jesus und die zwölf Jünger um den einen Tisch - Brot und Wein in der Mitte. Es lohnt, einmal den Blick von Jesus weg und hin auf seine Jünger zu richten. Es lohnt, einmal der Frage nachzugehen,

wen Jesus da an seinen Tisch eingeladen hat.

Da erkennen wir Petrus, den eifrigsten Jünger Jesu, den Wortführer, der sich am lautesten zu Jesus bekannte, und dann doch immer wieder versagte: „Sag nur ein Wort, und ich folge dir nach“, hatte er vollmundig zu Jesus gesagt. Doch als Jesus auf dem Meer sagte „Komm zu mir“, da war Petrus hilflos untergegangen. „Du bist der Messias“, hatte Petrus bekamt, und doch war er es, der Jesus verleugnete, nicht einmal, sondern dreimal. Und er hätte ihn noch häufiger verleugnet, wenn nicht der Schrei des Hahnes ihn an sein Versagen erinnert hätte. Jesus hatte um die Unzuverlässigkeit des Petrus gewusst, und doch hatte er ihn an seinen Tisch geladen.

Ein anderer sitzt direkt neben Jesus, Johannes, der Lieblingsjünger Jesu, der einfach in Jesu Nähe sein wollte und an Jesu Lippen hing, wenn er vom Reich Gottes redete. Als Jesus nun von seinem bevorstehenden Tod redet, fällt Johannes ihm um den Hals, wie ein kleines Kind, das seine Mutter am Aufstehen hindern will. Von Johannes, das wusste Jesus, war keine Rettung zu erwarten. Und obwohl Johannes so mutlos war, hatte Jesus ihn an seinen Tisch geladen.

Genau das Gegenteil von Johannes ist Simon, der Zelot. Er gehört zu denen, die sich von Jesus das sofortige Paradies auf Erden erhoffen. Er sieht in Jesus den Anführer, der das Volk Israel sammeln wird, um mit der Herrschaft der Römer ein Ende zu machen. Er ist bereit, mit der Waffe in der Hand für das Reich Gottes zu kämpfen und zu sterben. So ist Simon ein Terrorist, und doch hatte Jesus ihn an seinen Tisch geladen.

Weiter drüben sitzt einer, dessen Lebensweg viele dunkle Punkte aufweist: Matthäus, auch Levi genannt. Als Zöllner hat er jahrelang Geld aus seinen Mitmenschen herausgepresst, seine Freunde waren zwielichtige Menschen, aber das hatte für Jesus keine Rolle gespielt. Und Matthäus war ihm gefolgt, bald trat seine finstere Vergangenheit in den Hintergrund. Matthäus, ein vorbelasteter Mensch, ein Ekel, und doch hatte Jesus ihn an seinen Tisch eingeladen.

Einer hatte von Anfang an Zweifel und war sie niemals losgeworden: Thomas. Er wollte das alles so gerne glauben, aber er musste feststellen, dass Glaube ein Geschenk ist, das niemand sich erwerben kann. Die Auferweckung des Lazarus hielt er für unmöglich, der Weg Jesu war ihm ein Rätsel, und drei Tage nach diesem Abendmahl wird er den anderen Jüngern nicht glauben, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Thomas, der Zweifler, der Ungläubige; hätte Jesus ihn ausgeschlossen, als hoffnungslosen Fall, hätte das jeder verstanden; und doch hatte Jesus ihn an seinen Tisch geladen.

Einer am Tisch muss noch erwähnt werden, der von diesem Abend an für alle Zeiten zum Inbegriff des bösen, käuflichen Menschen werden wird, zum Verräter schlechthin: Judas Iskarioth. Wie er sich wohl fühlt an diesem Abend, als Jesus ihm Brot und Wein reicht, die Zeichen der Nähe und der Liebe Gottes? Wer weiß, ob welche inneren Kämpfe er in diesem Moment durchmacht? Nur eines weiß die Menschheit von ihm mit Sicherheit: dass er, Judas Iskarioth, noch in derselben Nacht Jesus an die Henker übergeben würde. Auch Jesus hatte dies gewusst, und doch hatte er ihn an seinen Tisch geladen.

Jesus hat sie alle gespeist - den Unzuverlässigen, den Stillen, den Ungeduldigen, den Sündhaften, den Ungläubigen und den Verräter. Er hat sie nicht abgespeist mit leeren Worten, sondern er hat ihnen alles gegeben, was er zu geben hatte: Brot und Wein, sich selbst, sein Leben, seine Nähe und Gegenwart.

An diesem Abend hat Jesus jedem seiner Jünger gezeigt: Du bist mir wichtig, mit all deinen Fehlern, mit all deinen unguten Eigenschaften, und ich will dich in meiner Nähe haben, jetzt, - so wie Gott dich einst bei seinem großen Mahl dabeihaben will, das er mit seinen Menschen feiert, wenn sein ewiges Reich da sein wird.

Fast 2000 Jahre sind seit jenem Abend in Jerusalem vergangen. 2000 Jahre, in denen sich fast alles verändert hat: die Menschen, die Herrscher, die Denkweisen, die Moden und die werte. Eines, nur eines ist geblieben: die Einladung Jesu an uns. Am Tisch Jesu ist Platz, viel Platz. Niemand muss drängeln, weil hier jeder erfahren darf: Ich gehöre dazu: der Unzuverlässige wie der Ungeduldige, der Vorlaute wie der Stille, der Fromme wie der Sündhafte, der Ungläubige wie der Verräter.

Damit wir uns daran erinnern, hat Jesu an diesem Abend zu seinen Jüngern gesagt: „Dies tut zu meinem Gedächtnis.“

Amen.