Liebe Gemeinde,

es gibt Menschen, die sagen, dass es eigentlich egal ist, ob man an Buddha, an Allah oder an den Gott der Christen glaube, es sei schließlich ein und derselbe Gott. Viele, die jemanden so reden hören, stimmen dem zu.

Aber

was die Evangelisten der Bibel über Jesu Tod sagen, das findet sich in keiner anderen Religion: ein Gott, der leidet und stirbt; einer, den die Menschen verwerfen und der verzweifelt.

Was muss Jesus nicht alles einstecken an seinem letzten Tag: Sie verspotten ihn, sie geben ihm verdorbenen Wein zu trinken, sie treiben Nägel durch seine Hände und Füße und lästern über seine Hilflosigkeit. Bis zu seiner letzten Stunde ist Jesus ihren Anfeindungen ausgesetzt.

"Hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab“ spotten sie. "Anderen hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen." Und einige sagen: "Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat."

Diese dummen Menschen verstehen überhaupt nichts. Sie sind gefangen in dem Gottesbild, das sie sich selbst von Gott gebastelt haben: das selbst gemachte Bild von einem Gott, der stark ist und seine Macht auch eindrucksvoll unter Beweis stellt.

Aber diesen Gott gibt es nicht. Weil Jesus ihnen das immer wieder gesagt hatte, deshalb begannen sie ihn zu hassen und Jesus musste sterben. Sie wollten an Gott glauben, ja, aber nur an einen, der ihren eigenen Vorstellungen entsprach; sie wollten nicht hören, was der Fremde aus Galiläa über Gott erzählte; und schon gar nicht wollten sie glauben, dass in diesem Jesus Gott wirken sollte; auch wenn er von Gott als seinem Vater sprach.

Dass der, der da am Kreuz jämmerlich und qualvoll erstickt, dass der Gottes Sohn sein soll, das kann zu diesem Zeitpunkt niemand glauben: weder die Spötter noch die Soldaten noch seine Jüngerinnen, die ausharren unterm Kreuz - auch für sie ist das, was sie da sehen, das Ende. Scheinbar war Jesus doch nur ein Mensch, ein wunderbarer Redner zwar, sicher auch ein Heiler, aber nicht der Messias; denn, so denken die Frauen, wäre Jesus Gottes Sohn, Gott würde ihn nicht sterben lassen.

Sie alle irren sich gewaltig. Denn während sie alle - ob Freund oder Feind - nur das Ende sehen, geschieht schon das Andere, das eigentlich Gewaltige. Aber die, die bei der Kreuzigung dabei sind, die merken es nicht.

Sie merken nicht, dass da längst etwas anderes im Gange ist, und Gott schon längst damit angefangen hat, einzugreifen.

Und viele, viele werden auch zwei Tage später nichts begreifen und bis an ihr Lebensende behaupten, dass da nichts anderes passiert ist, als dass ein Mensch gestorben ist. Mit Gott, so werden sie sagen, hat das nichts zu tun gehabt. Denn ein Gott, werden sie sagen, ist mächtig und leidet nicht.

Es ist leicht, 2000 Jahre später darüber zu reden. Denn wir wissen von Jesu Auferstehung von den Toten. So wäre es einfach, über diese Menschen, die damals nichts begriffen haben, den Stab zu brechen. Aber mal ganz ehrlich: Erkennen wir in diesem gekreuzigten Jesus wirklich unseren Gott? Oder ist er uns nicht doch als Auferstandener viel, viel lieber? 

Lasst uns auf das Kreuz Jesu hören. Es sagt uns:

Wenn ihr nur den starken, den mächtigen Gott sucht,

wenn euer Gott nur der Gott der Erfolgreichen ist,

wenn euer Gott nur ein Siegertyp ist,

dann habt ihr nichts verstanden vom Kreuz.

Gott ist nämlich nicht dort,

wo der Erfolg und der Reichtum sich küssen;

auch nicht dort, wo die Macht und das Gewinnen miteinander paktieren;

und schon gar nicht dort, wo ein Mensch vor Selbstbewusstsein strotzt.

Gott ist woanders.

Gott ist dort, wo Menschen leiden.

Gottes Macht zeigt sich dort, wo Menschen ohnmächtig sind.

Gottes Liebe wird dort spürbar, wo jemand sich ungeliebt und schwach fühlt.

Dort, wo Menschen meinen, sie seien gescheitert, gerade dort ist Gott.

Es ist kein Zufall, dass Jesus ausgerechnet die Leid Tragenden selig gepriesen hat. Denn gerade denen, die Schweres durchmachen, ist Gott ganz nahe – und daraus dürfen Sie, liebe Trauerfamilien, Hoffnung schöpfen und neuen Lebensmut. Und gerade denjenigen, deren Leben scheinbar in eine Sackgasse geraten ist, ihnen wird Gott neues Leben ermöglichen. Das ist die Botschaft, die vom Kreuz Jesu ausgeht.

Aber nicht alle verstehen diese Botschaft oder wollen sie verstehen. Ein Gott der Leidenden und der Traurigen, ein Gott, der selbst leidet, passt nicht in unsere Gesellschaft! So spielt auch der Karfreitag in unserer Gesellschaft fast keine Rolle mehr. Schauen Sie sich nur einmal an, was heute alles im Fernsehen gezeigt wird: eine Komödie nach der anderen, das wäre vor Jahren noch undenkbar gewesen. Aber in unsere Spaßgesellschaft passt der Gekreuzigte so wenig hinein wie alles, was mit Leid und Not zu tun hat. Und es sind ja schon die ersten Überlegungen zu hören, den Karfreitag abzuschaffen, mit der Begründung, dass er zum fröhlichen Osterfest einfach nicht passt.

Menschen, für die Gott noch eine Rolle spielt, werden dagegen die Botschaft vom Kreuz sehr genau beherzigen. Die sagt uns: Was auch immer du zu erleiden hast, dein Leben bleibt wertvoll, und gerade in den dunkelsten Momenten ist Gott dir ganz nahe. Ein Leben in Leid ist für Gott so wertvoll wie das des Lebensfrohen oder des Erfolgsmenschen. Und was auch immer dir heute, in diesem Moment, dein Leben beschwert - traue Gott zu, dass er DEIN Leid wendet, genauso, wie er auch den Gekreuzigten aus dem Dunkel wieder ins Licht geführt hat.

Amen.