Liebe Gemeinde,

mit dem Fahrrad von Gotteshaus zu Gotteshaus, in drei verschiedenen Kirchen die drei großen Teile des Gottesdienstes miteinander feiern – das ist schon ein ganz besonderer Gottesdienst, den wir da heute Morgen erleben.

Sie alle und ihr alle seid das ja von klein auf gewöhnt, dass man hier gut Fahrrad fahren kann, weil alles so topfeben ist – für mich ist das nach wie vor etwas ganz Besonderes: Denn

Zaisenhausen, meine letzte Gemeinde, lag im Hügelland des Kraichgaus; und in meiner ersten Gemeinde, in der Nähe von Villingen, da sind richtig steile Straßen – wenn wir da eine Tour durch unsere drei Gottesdienstorte gemacht hätten, hätten wir alleine für die Fahrt mehr als eine Stunde gebraucht!

Umso schöner, dass wir hier diese Drei-Kirchen-Tour ohne künstlichen Sauerstoff absolvieren können, und der Termin passt ja auch gut:

Jedes Jahr im Sommer laden die Kirchen unseres Landes ein zu einem Aktionstag unter dem Titel "Vorfahrt für die Schöpfung". Diese Aktion lädt uns ein, möglichst auf das Auto zu verzichten. Und ich finde, dass diese Aktion etwas sehr Wichtiges ist, das wir unterstützen können und sollen.

"Vorfahrt für die Schöpfung" - diese Aktion bedeutet mehr als einen Tag auf das Autofahren zu verzichten. Sie hinterfragt eine Lebensart, die uns fast alle prägt. Die heißt in etwa: "Ich will so schnell und bequem wie möglich von A nach B kommen." Und dazu leisten uns unsere Autos und unsere anderen motorisierten Vehikel sehr gute Dienste. Aber es gibt zwei Dinge, die bleiben dabei im wahrsten Sinn des Wortes auf der Strecke, und ich will uns jetzt einladen, darüber zumindest einmal nachzudenken:

Das erste: Wer sich nur per Auto bewegt, dem entgeht Gottes wunderbare Schöpfung. Und wenn ich einen ganzen Tag lang durch die schönsten Landschaften fahre, ich werde keinen Vogel singen hören, werde den wunderbaren Geruch nicht einer einzigen Blüte wahrnehmen, und weil ich so schnell bin, werden auch meine Augen die großen und die kleinen Wunder am Wegesrand nicht erfassen können: weder den Käfer, der um sein Leben rennt; noch den Fasan, der aufgeschreckt vor meinem Fahrrad davonfliegt; und schon gar nicht den Bussard, der hoch über meinem Kopf kreist und auf der Suche nach einer unvorsichtigen Maus ist.

Mit Worten Paul Gerhardts haben wir vorhin gesungen: "Mein Auge schauet, was Gott gebauet". Aber wenn ich 20 oder 50 Meter in der Sekunde zurücklege, dann schauet mein Auge so gut wie nichts von dem, was Gott erschaffen hat. Wann habe ich zuletzt einen Marienkäfer auf der Hand herumkrabbeln lassen? Wann bin ich letztmals stehen geblieben, um einer Lerche zuzuhören? Wann bin ich das letzte Mal barfuß durch eine Wiese gelaufen? Wie will ich Gottes Schöpfung preisen, wenn ich nur an ihr vorbeifahre, statt sie zu erfahren, zu erleben, zu spüren?

Das zweite, worüber ich nachdenke, hängt mit dem ersten zusammen: Wenn wir zu viel Auto fahren, dann verlieren wir den Blick für das Mitgeschöpf, den Mitmenschen:

Wenn früher Menschen zu Fuß unterwegs waren, dann nahmen sie die Menschen, die ihnen entgegenkamen, ganz bewusst wahr. Das ist heute nicht mehr so. Während früher Menschen aufeinander zu gingen, stehen blieben, miteinander erzählten, fahren wir heute ganz einfach aneinander vorbei. Während man früher samstags stundenlang durchs Dorf unterwegs war zum Einkaufen (und dabei zig Menschen traf), fährt man heute zum Bäcker und zum Metzger – oder um Zeit zu sparen, fährt man in den Discounter oder Lebensmittelmarkt, wo man alles am Ort hat. Das ist kein Verbrechen - aber je mehr solcher Alltagswege wir per Fahrzeug zurücklegen, desto weniger Zeit bleibt für den Menschen. Denn wenn ich aus dem Auto heraus jemanden sehe, dem winke ich zu - das war's. Wenn ich dem gleichen Menschen zu Fuß begegne, dann reden wir wenigstens ein paar Sätze.

"Vorfahrt für die Schöpfung" - diese wichtige Aktion will niemandem ein schlechtes Gewissen machen; sondern sie lädt uns nur dazu ein, vor lauter Autofahren zweierlei nicht aus dem Blickfeld zu verlieren: die wunderbare Schöpfung Gottes, und das Geschöpf, für das wir am meisten Mitverantwortung tragen: unseren Mitmenschen. An ihm müssen wir nicht vorbeifahren; wir dürfen auf ihn zugehen.

Amen.