Liebe Gemeinde,

 

ich habe uns heute ein Bild mitgebracht.

Es zeigt einen eigenartigen Baum, den ich in der Toscana gesehen habe: Der Stamm geht nicht senkrecht in die Höhe, sondern liegt fast waagrecht über dem Boden, und es scheint ein Wunder, dass er noch nicht zusammengebrochen ist. Ich schätze, er dürfte so 70 Jahre alt sein, fast ein Lebensalter.

Da stellt sich nun die Frage:

„Warum fällt dieser Baum nicht um? Niemand stützt ihn, und doch ist er all die Jahre über stehen geblieben. Wie geht das?“ Die Antwort ist einfach: Es liegt an der Wurzel. Die Wurzel dieses Baumes krallt sich mit einer solchen Kraft fest im Erdreich, dass sie dem Baum Halt gibt.

Auch wir Menschen haben Wurzeln, und die geben uns von Anfang an Halt. Und die kleine Lena-Sophie, dieses Menschenkind von einem halben Jahr, hat Wurzeln in der Liebe und Geborgenheit, die sie geschenkt bekommt von ihren Eltern und den Menschen, die sie begleiten.

Halt finden wir Menschen auch in Gottes Liebe, die in Jesus zu uns gekommen ist und zu der wir uns in der Taufe bekennen.

So haben wir zwei Wurzeln: die Liebe der Menschen und die Liebe Jesu, das gibt unserem Leben den entscheidenden Halt.

Taufe heißt: Gott bietet uns an, dass wir unser Leben auf seiner Liebe aufbauen, dass wir in dieser Liebe wurzeln – und diese Wurzeln geben mehr Halt als alle vermeintlichen Sicherheiten dieses Lebens.

Nun werden Menschen, die in Gottes Liebe ihre Wurzeln haben, aber nicht von Schwerem verschont. Und so, wie wir heute zusammensitzen, könnten wir einander jetzt einiges erzählen von Schicksalsschlägen, die uns getroffen haben; von Sorgen und von Lasten, die wir nur schwer tragen können; und von vielem, was uns das Leben beschwert. Und da komme ich wieder zu dem Baum. Irgendetwas Schlimmes muss da geschehen sein, das diesen Baum niedergedrückt hat. Aber wenn ich mir den Baum anschaue, dann fällt mir noch etwas auf: Irgendwann hat sich die Richtung wieder geändert, da geht der Baum wieder nach oben. Und haben wir das nicht alle auch schon erlebt? Dass wir gedacht haben „Ich schaffe es nicht mehr“ - und ausgerechnet da hat die Last aufgehört zu drücken und es ist wieder vieles besser und leichter geworden?

Ich habe in meinem Dienst viele Menschen kennen gelernt, die das Leben schwer gebeugt hat, und manche hadern bis heute mit dem, das sie tragen mussten und müssen. Aber ich erlebe bei diesen Begegnungen oft noch etwas: nämlich den Lebensmut, dass es weitergeht, und das Gottvertrauen, dass auch über allen Lasten ein Stärkerer über unserem Leben wacht.

Nun habe ich viel vom Schweren geredet, damit soll die Predigt nicht enden. Da ist ja auch eine Baumkrone, dicht bewachsen mit lebendigen, grünen Blättern! Obwohl der Baum unten so gebeugt ist und schwer zu tragen hat, blieb er doch eine blühende, lebendige Pflanze, die Früchte hervorbringt.

Liebe Gemeinde, was für eine Verheißung! Die volle Baumkrone, sie ist ein wunderbares Gleichnis für all die Versprechen, die Jesu uns gegeben hat! Unser ganzes Leben, auch wenn manches anders läuft als erhofft, ist in dieser Baumkrone enthalten: die schönen, unvergesslichen Momente; die Gewissheit, dass unser Leben etwas bringt; die Erfahrung, dass das Leben immer noch schön ist – all das steckt in der Baumkrone.

Und letztlich erinnert die Baumkrone uns auch daran, dass unser Leben sein Ziel findet im Leben, in einem unzerstörbaren, immerwährenden Leben in Gottes Armen, und bis dahin lasst uns Gott immer wieder loben.  

Amen.