Streit – das große Thema dieser Friedensdekade, liebe Schwestern und Brüder!

Streit – eines der großen Themen auch unseres Lebens, und das, obwohl doch immer zu hören ist, dass wir Christen eben nicht streiten sollten!

Wer hat das eigentlich gesagt? Wer hat gesagt, wir sollten nicht streiten? Wer hat gesagt, dass wir

immer schön nicken und nachgeben sollen?

Jesus etwa? Nein, Jesus ganz bestimmt nicht: Dieser Jesus hat sich mit der religiösen Oberschicht seiner Zeit angelegt, hat die höchsten Geistlichen Heuchler genannt und seinen König einen Fuchs, hat mit der Selbstgerechtigkeit seiner Volksgenossen abgerechnet, und nicht zu vergessen: Im Tempel von Jerusalem hat Jesus zuerst die Tische der Händler um- und dann die ganze Belegschaft aus dem Tempel rausgeworfen. So war Jesus, und diesen Jesus, der auch einmal aus der Haut fahren konnte, den mag ich. Diesem Jesus, der nicht immer alles schluckte, dem folge ich gerne nach. Dieser Jesus, der nicht nur sanftmütig war, sondern für Gerechtigkeit einstehen und kämpfen konnte – dieser Jesus ist mir äußerst sympathisch.

Vorhin haben wir im Evangelium gehört, wie es einmal Streit unter Jesu Jüngern gab. Da wollten zwei die besten Plätze. Und die anderen Jüngerinnen und Jünger sind empört. Verständlich. Und so regen sie sich auf.

Interessant ist, wie Jesus darauf reagiert. Jesus sagt nicht: „Psst, einer, der mir nachfolgen will, darf nicht streiten!“ Jesus

sagt auch nicht: „Was für ein schlechtes Beispiel gebt ihr denn nach außen ab, wenn man euch streiten sieht und hört!“ Und Jesus sagt schon gar nicht: „Streiten ist Sünde!“

Streiten, liebe Schwestern und Brüder, ist keine Sünde! Streiten ist oft eine Notwendigkeit, um voran zu kommen. Wir kennen das aus unseren Ehen und Partnerschaften: Ohne Streit geht es nicht. Und an den Arbeitsplätzen und in den Schulklassen ist es ebenso, und auch in den Vereinen und Institutionen.

Wieso könnte, wieso sollte es dann in der Kirche anders sein?

Nach über 32 Jahren im kirchlichen Dienst glaube ich, dass wir der Sache Jesu mehr schaden, wenn wir zu leise, zu demütige Schafe unseres Herrn sind als dadurch, dass es auch einmal klare Worte und zur Not auch einmal Streit gibt – innerhalb der Gemeinden genauso wie mit Außenstehenden.

Und das, was die Jünger hier an Streit erleben, das ist so ein interner Streit – so etwas kehren wir ja am liebsten unter den Teppich. Oder sorgen zumindest dafür, dass wir das intern lösen – und ja niemand mitbekommt, dass selbst wir Christen streiten.

Warum eigentlich? Die Tatsache, dass uns Christen viele nicht mehr ernst nehmen, hängt doch wohl eher mit zu häufigem Schweigen zusammen und mit unserem „Wir-haben-uns-lieb-Gehabe“!

Also, Jesus erlaubt uns das Streiten, das können wir schon einmal festhalten und uns hinter die Ohren schreiben.

Zurück zu den Jüngern und ihrem Streit! Bei denen ging es um etwas sehr, sehr Menschliches, um zwei Befindlichkeiten, die in uns allen tief verankert sind; das eine ist die Sehnsucht nach – Zauberwort – „Wertschätzung“. Jakobus und Johannes wollen spüren und erleben, dass sie wichtig sind; dass sie geachtet werden. Und darin sind sie uns sehr, sehr ähnlich. Der Volksmund nennt das manchmal sehr böse „Eitelkeit“ oder „Geltungsbedürfnis“. Ja, ja, der Volksmund! Gut, dass Jesus es nicht so gesehen hat. Jesus hat nicht gesagt „So dürft ihr nicht reden“. Er hat den Wunsch dieser beiden einfach mal so stehen lassen.

Es ist gut möglich, dass die anderen Jüngerinnen und Jünger einen ähnlichen Wunsch hatten. Und so zeigen sie nun die zweite der vorhin erwähnten Befindlichkeiten: Sie sind eifersüchtig.

Eifersucht – wer mehrere Kinder oder Enkelkinder hat, kann davon recht viele Lieder singen, die meisten mit recht ähnlicher Melodie.

Auch die Eifersucht wird vom Volksmund verpönt: „Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.“ Auch hier war Jesus – Gott sei Dank! – weiter als der Volksmund. Er konnte das zunächst so stehen lassen. Und dann hat Jesus Heilsames gesagt:

„Ihr wisst, dass die Herrscher die anderen unterdrücken. Aber bei euch soll es nicht so sein. Herrscht nicht übereinander, sondern dient einander.“

„Dienen“ – das ist so eine Sache. Dienen tun wir ja nicht so gern. Also, dann will ich das Gleiche mit anderen Worten sagen: „Lasst uns füreinander da sein.“ Diesen einen Satz können wir mitnehmen in die neue Woche, in die Friedensdekade, in unsere Familien, in unseren Alltag. „Lasst uns füreinander da sein.“

Liebe Schwestern und Brüder, lasst uns füreinander da sein und andere spüren: Du bist wichtig. Lasst uns füreinander da sein und auf die achten, für die kein Platz war auf den Sperrsitzen des Lebens. Lasst uns füreinander da sein und auch die wertschätzen, die zu wenig Wertschätzung erfahren.

Ob wir dadurch weniger streiten? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass eine Verheißung darauf liegt, nämlich die, dass Jesus uns seine Kraft und seinen guten Geist dazu schenkt.

„Lasst uns füreinander da sein.“ Denn auch dadurch berühren sich Himmel und Erde.

Amen.