Liebe Gemeinde,

"Es ist ein Wort ergangen" - haben wir eben gesungen, eines der wichtigsten Kirchenlieder, die im letzten Jahrhundert entstanden. Dieses ganz besondere Friedenslied erwartet den Frieden nicht von menschlichem Tun, sondern

bittet Gott: "Schaffe du es!"

Es stammt von Arno Pötzsch, dessen Leben von zwei Kriegen geprägt war. Er kam am 23.11.1900 in Leipzig zur Welt. Als der Vater mitten im Ersten Weltkrieg starb, war Arno erst 16 Jahre alt. Um für sich und die Mutter Geld zu verdienen, musste er seine Lebenspläne ändern. Er konnte nicht studieren, sondern musste an die Drehbank, in einer Granatenfabrik. Dann ging Arno Pötzsch 1917 zur Marine und kehrte 1919 zurück in eine Welt, die nicht mehr die alte war. "Wo vorher Mangel war, herrscht jetzt Not" - so beschrieb er die Armut und Unsicherheit jener Zeit.

Zehn Jahre vergingen. Mittlerweile hatte ihn eine tiefe Lebenskrise gepackt, und dann geschah etwas, von dem er später mit folgenden Worten erzählte: "Mit Staunen und Dank stehe ich vor den wunderbaren Fügungen und Führungen, die sich unbegreiflich in mein Leben begeben haben." Was war geschehen? Er hatte Kontakt bekommen zu Mitgliedern der Herrnhuter Brüdergemeine, die ihn bei sich aufnahmen. Dort spürte er, wie Gott ihn wegführte von Traurigkeit und Zweifeln. Und er wollte nun Gott ganz dienen, und begann, Theologie zu studieren, und dazu musste er, mit mehr als 30 Jahren, erst mal Latein, Griechisch und Hebräisch lernen.

In dieser Zeit begann Arno Pötzsch, seine ersten Lieder zu schreiben. Darüber sagte er später: "Ich musste schreiben von Gott und von Menschen, von Not und Verheißung, von Gottes Kampf um die Welt. Es waren aus der Zeit geborene Notlieder der Kirche."

Von einem dieser Notlieder haben wir gerade gesungen: "Es ist ein Wort ergangen." Es ist 1935 geschrieben, als die Nationalsozialisten die Kirche unterjochen wollten, als das Wort Hitlers und seiner Mitverbrecher mehr Menschen um sich sammelte als das Wort Gottes. Viele liefen damals Hitler nach, andere verkrochen sich voller Angst - aber Arno Pötzsch gehörte zu denen, die mutig ihren Glauben an Gott bekannten, und dafür sorgte auch dieses Lied, mit dem er seine Zeitgenossen aufforderte: "Entscheidet euch, welchem Wort ihr nachfolgen wollt. Dem Wort Gottes, das Segen für die Menschen bringt - oder den todbringenden Kriegsaufrufen Hitlers."

Von diesem Lied singen wir jetzt die Strophen 4-7.

(EG 586, 4-7)

"Und ruf uns zur Gemeinde, die aus dem Worte lebt!" - eine Bitte an Gott: Mache uns zu einer Gemeinde, in der Menschen nach deinem Wort fragen und aus deinem Wort leben! Wie aktuell ist das heute noch - in einer Zeit, in der nur wenige sich zur Gemeinde halten; in der nur wenige Gottes Wort hören; in einer Zeit, in der viele nicht dem Ruf Gottes folgen, sondern lieber dem Ruf des Vergnügens, dem Ruf des Geldes, dem Ruf des Egos, dem Ruf der Oberflächlichkeit. Dem steht bis heute Arno Pötzschs Bitte entgegen: "Und ruf uns zur Gemeinde, die aus dem Worte lebt!"

1938 wurde Arno Pötzsch als Marinepfarrer berufen, zuerst nach Cuxhaven, später nach Holland. In Lazaretten betreute er Verwundete und Sterbende, in Gefängnissen die zum Tode Verurteilten auf dem Weg zu Ihrer Hinrichtung. Mit vielen hat er vorher noch das Abendmahl gefeiert. Für sie und ihre Hinterbliebenen schuf er ein Abendmahlslied, in dessen erster Strophe es heißt:

Du hast zu deinem Abendmahl als Gäste uns geladen.

Nun stehn wir, Herr, in deinem Saal, mühselig und beladen.

Wir tragen unsrer Wege Leid, viel Sorgen, Schuld und Schmerzen.

Ob reich, ob arm, dich irrt kein Kleid, du weißt die Not der Herzen.

Nach Kriegsende war Arno Pötzsch zuerst Seelsorger in Internierungslagern, ab 1948 Gemeindepfarrer in Cuxhaven. Aber in den Jahren vorher hatte er sich sehr verausgabt. Ein Herzleiden raubte ihm viel Kraft. 1956 wurde er am Blinddarm operiert, ein Routineeingriff. Doch Arno Pötzsch wachte nicht mehr auf. Im Alter von nicht einmal 56 Jahren rief Gott ihn zu sich. Arno Pötzsch scheint das vorher geahnt zu haben, denn in einem seiner letzten Lieder heißt es:

Bleib bei uns, wenn der Tag entweicht, wenn uns die Finsternis beschleicht,

wenn wir voll Not ins Dunkle sehn, wenn wir in Ängsten schier vergehn.

Ich will aus Arno Pötzsch keinen Heiligen machen. Er war ein Mensch wie jeder, mit Vorzügen und mit Fehlern. Er hatte, wie wir alle, Hoffnungen und Ängste. Was ihn auszeichnete, war sein großes Gottvertrauen - und dass Gott ihm die Gabe verliehen hatte, seine Gefühle und seinen Glauben in den beeindruckenden Texten seiner Lieder zum Vorschein kommen zu lassen. Deshalb sind diese Lieder wahre Schatztruhen, bis oben angefüllt mit Hoffnung und Gottvertrauen, aber auch mit Ängsten und Zweifeln, mit Fragen und Tränen. All diese Gefühle sind uns Christen erlaubt - Gott verlangt von uns gar nicht, dass wir immer glaubensstark und unbeirrt unseren Weg gehen, auch für das Dunkle unseres Lebens ist vor Gottes Angesicht Platz.

Und in allem Dunkeln muss kein Mensch verzweifeln. Denn jenseits des dunklen Vorhanges, der gewoben ist aus Leid und Bitternis, steht Gott, von dem Arno Pötzsch bekennt:

Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand,

die er zum Heil uns allen barmherzig ausgespannt.

Arno Pötzschs Lieder sind Friedenslieder - Lieder gegen den Tod, gegen den Krieg, gegen die Grausamkeit der Menschen. In einer dunklen Welt hat er auf unvergessliche Weise Gottes Wirklichkeit bezeugt und diese auch in seinem eigenen Leben immer wieder erfahren.

Amen.