Liebe Gemeinde,

in der Lesung aus dem Matthäusevangelium haben wir gehört, wie seinerzeit die Menschen in Jerusalem Jesus begeistert empfangen haben.

So war das damals – aber wie ist es heute? Hat Jesus eine Chance, in

dieser Welt anzukommen? Ist sie bereit, ihm Tor und Tür zu öffnen wie es die Jerusalemer taten? Es täte der Welt gut. Denn ein Blick darauf, was in dieser Welt geschieht, zeigt uns Leid und Dunkel.

Mir fallen Menschen ein, in armen Ländern in Europa und weltweit, die durch Kälte und Hunger ohne Chance sind. Schon jetzt steht fest, dass viele dieser Menschen am Ende des Winters nicht mehr leben werden. Alte Länder der Bibel wie Syrien und der Irak zählen zu den Gebieten dieser Erde, auf denen Krieg und Elend, Leid und Hunger herrschen, auch über Advent und Weihnachten hinweg. Ähnliches gilt für Afghanistan, für den Sudan und viele andere Länder.

Hat Jesus wenigstens eine Chance, in unserem Land anzukommen? Können wir hier den wahren Advent, die Ankunft Jesu feiern?

Auf den ersten Blick: Ja. Die Straßen und Häuser strahlen im adventlichen Glanz. Und überall brennen künstliche und natürliche Kerzen, die ursprünglich ja keinen anderen Sinn haben als an ihn zu erinnern, der von sich gesagt hat: "Ich bin das Licht der Welt."

Aber will diese Welt wirklich sein Licht? Kann unsere Gesellschaft, kann unser Land das ertragen, wenn einer kommt, der mehr sein will als der Schein? Was würde Jesus sagen zu Menschen, die binnen weniger Wochen 20 Mrd Euro ausgeben für Geschenke, die sie zum 24.12. untereinander austauschen werden?

Als Jesus damals nach Jerusalem kam, führte sein erster Weg zum Tempel, wo sie Gott feierten mit Pomp und einträglichen Geschäften. Als er dies sah, warf Jesus die Tische der Geschäftemacher einfach um. - Und wenn Jesus heute käme? Ob er dann auch die teuren Auslagen umwerfen würde? Vielleicht. Aber wahrscheinlich würde Jesus erstmal den vielen Musikanlagen den Saft abdrehen, die uns einstimmen - nicht auf das Fest, sondern auf den Kaufrausch. Dann würde er uns daran erinnern, wohin Gottes Wort uns und unser Geld weist: an den notleidenden Nächsten, der ganz nahe, aber auch ganz weit weg von uns leben kann.

Für so einen König, für so einen Jesus, ist kein Platz in einer Gesellschaft, die mit jedem Euro rechnet. Irgendein findiger Anwalt würde Jesus Geschäftsschädigung nachweisen, und dann würden sie ihn zwar nicht kreuzigen, aber ins Gefängnis werfen, zumindest so lange, bis das Weihnachtsgeschäft abgeschlossen wäre. 

Vielleicht würde man ihn - aus humanitären Gründen – am Abend des 23.12. entlassen, und dann dürfte er an Heiligabend in irgendeinem Gottesdienst auf irgendeinem der hinteren Plätze mitsingen, wenn alle in "O du fröhliche" und "Stille Nacht" einstimmen.

Nein, in dieser Gesellschaft wäre nur ganz schwer ein Platz zu finden; nur sehr wenige Türen würden hoch, nur wenige Tore weit gemacht werden für Jesus. Und das, obwohl wir seine Nähe dringend brauchen, damit alle Menschen die Vorfreude verspüren könnten, die ursprünglich mit der Adventszeit verbunden war.

 

Lied: “O wohl dem Land, o wohl der Stadt” (EG 1, 3-5)

 

Dass unsere Gesellschaft recht gottlos geworden ist, stimmt leider. Aber ein Teil dieser Gesellschaft sind auch wir, und die Frage ist, ob wenigstens wir einen wirklichen Advent erleben, ob nicht nur auf dem Kalender, sondern in unserem eigenen Herzen Jesus ankommt.

Die 4. Strophe von "Macht hoch die Tür" will uns den Weg dorthin zeigen: "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, euer Herz zum Tempel zubereit. Die Zweiglein der Gottseligkeit steckt an mit Andacht, Lust und Freud." Zugegeben, das ist eine sehr alte Sprache mit den Zweiglein der Gottseligkeit. Aber was mit "euer Herz zum Tempel zubereit" bedeutet oder der Andacht gemeint ist, das ist schon deutlich: Advent kann es nur für den Menschen werden, der sich selbst Zeit zur Ruhe und Zeit der Stille gestattet. Die wichtigen Körperteile sind da nicht Mund oder Hände, sondern Ohren und Herz.

Aber wie die meisten von uns den Advent gestalten, das ist das Gegenteil davon: Wir hetzen während der besinnlichen Zeit durch die Kaufhäuser, wir verbringen einen großen Teil der stillen Zeit mit Backen und Putzen, wir erledigen noch vieles, was auf der Strecke geblieben ist, denn an Heiligabend wollen wir fertig sein. Und dann sind viele wirklich fertig an Heiligabend.

Wie sollen wir in unserer Hektik dann etwas von Advent spüren, wenn wir reden statt zu hören, herumrennen statt hinzusitzen, arbeiten statt Zeit für uns selbst und die eigene Andacht zu haben?

Nun ist Jesus keiner, der nun, koste es, was es wolle, in unser Leben einzieht. Er rennt nicht verschlossene Türen ein - Sanftmütigkeit ist sein Gefährt. Das heißt: Jesus zwingt uns nicht zum Advent. Es ist unsere Entscheidung, ob wir für ihn Tür und Tor öffnen.

Wenn wir das tun wollen, ist das gar nicht so schwer: Ein paar stille Minuten jeden Tag, etwas mehr an Gott und etwas weniger über mich selbst nachdenken das ist der Adventsweg, zu dem "Macht hoch die Tür" uns einlädt. Und es liegt eine Verheißung über diesem Weg: "So kommt der Heiland auch zu euch, ja Heil und Leben mit zugleich!"

Indem wir ruhig werden, uns Zeit nehmen, dem Wort Gottes Raum geben – können wir die Tore weit machen, damit Gott in unserem Leben ankommt, und nichts anderes heißt Advent.

Amen.