Liebe Gemeinde,

von all den Gottesdiensten, die ich im Lauf eines Jahres halte, hat der erste Gottesdienst im Neuen Jahr den längsten Vorlauf, nämlich etwa vier Monate. Das hat einen ganz einfachen Grund:

Anfang September besucht mich nämlich ein Verlagsvertreter, und ich suche aus, was wir im kommenden Jahr so an gedruckten Materialien brauchen: Geburtstagsbücher, Arbeitsbücher für Konfirmanden, Traubibeln, Urkunden für das Konfirmationsjubiläum und vieles andere. Da sind dann auch die Karten mit den Jahreslosungen für das neue Jahr dabei.

Der Text ist natürlich vorgegeben, aber der Verlagsvertreter präsentiert mir dann immer eine Auswahl aus sechs bis acht Karten mit ganz unterschiedlichen Graphiken und Bildern zu der jeweiligen Jahreslosung. Im letzten September musste ich bei der Auswahl lange überlegen, bin aber jetzt sehr froh, die Grafik der Künstlerin Stefanie Bahlinger gewählt zu haben, die wir heute in der Hand halten. 

Unsere Losung für 2018 steht in der Offenbarung des Johannes und gibt ein Versprechen Gottes wieder: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“

Wir nehmen uns jetzt ein, zwei Minuten Zeit. Wir hören Orgelmusik und schauen uns währenddessen die Karte mit der Losung an – den Text und das Bild -  und lassen unseren Gedanken einfach freien Lauf.

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„Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ Bei diesem Satz aus der Bibel sind mir vor allem diese vier Gedanken gekommen:

Zum einen – das wird wahrscheinlich niemanden zu sehr überraschen - habe ich mich an meine Alpenüberquerung vom letzten Sommer erinnert. An einem Samstagnachmittag, bei über 30 Grad, kein Schatten, 1300 Höhenmeter Aufstieg, ein Rucksack von 12 kg, ein paar Kilo zu viel um den Bauch – ich hatte einen Durst, wie ich ihn noch nie erlebt hatte! Doch dann, nach einiger Zeit, führte der Weg über einen Gebirgsbach. Dieses Wasser, es war so köstlich! Es hat unglaublich gutgetan, ich bin mir sicher: Ohne dieses Wasser wäre ich im wahrsten Sinne des Wortes auf der Strecke geblieben.

Was wäre gewesen, wenn ich eine Literflasche Cola dabeigehabt hätte? Ehrlich gesagt, das hätte mir noch besser geschmeckt. Aber ganz, ganz schnell wäre der Durst wiedergekommen, weil süße Getränke eben keine Durstlöscher sind. Sie gaukeln uns das nur vor. Und das mit dem Vorgaukeln bringt mich zu meinem zweiten Gedanken: zu den Durststillern, die uns so im Laufe des Lebens angeboten werden, um unseren Lebensdurst zu stillen.

Möglichkeiten, diesen Durst zu stillen, gibt es unbegrenzt. Die einen investieren alles in Karriere und Anerkennung oder in Gesundheit oder in die Erfüllung eines Lebenstraumes. Andere suchen ihr Glück in immer wieder neuen Beziehungen oder rennen von Event zu Event. Und, und, und…! Doch oft kommt der Moment, an dem die Quellen versiegen, aus denen wir schöpfen. Da wird dann eine schwer krank oder einer stürzt von der Karriereleiter, da scheitert die Beziehung oder es brechen Sicherheiten weg. Und da merken wir – jetzt kommt wieder die Cola ins Spiel - dass unsere Quelle unseren Lebensdurst nie wirklich gestillt, sondern uns nur etwas vorgegaukelt hat. Und dann fragen wir uns: Aus welchen Quellen lebe ich?

Gott bietet uns an: „Du kannst deinen Durst nach Leben bei mir stillen; dann trinkst du aus einer Quelle, die nie versiegt.“ Oder mit Worten der Jahreslosung: „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“

Das ist ein wunderbares Versprechen Gottes, und dennoch – das ist jetzt mein dritter Gedanke - bleibe ich beim letzten Wort hängen: „umsonst“. Umsonst, gratis – das klingt ja zunächst gut, gerade in unserer „Geiz-ist-geil“-Gesellschaft. Aber gleichzeitig sagt uns der Mainstream unserer Gesellschaft: „Was nichts kostet, kann nicht gut sein.“ Dass so vielen Menschen Glaube-Gott-Jesus-Kirche vollkommen unwichtig sind, kann das damit zusammenhängen, dass in unserer Kirche alles für „umsonst“ zu haben ist? Dass wir nicht einmal für die Vergebung etwas tun müssen außer unsere Hände und Herzen zu öffnen und sie uns schenken zu lassen? Wäre es vielversprechender, wenn Christen alle fünf Jahre einen wie auch immer gearteten Leistungsnachweis erbringen müssten? Würde das in unserer nach Zertifikaten gierenden Leistungsgesellschaft besser ankommen?

Vielleicht. Aber wir müssten dann Gottes Botschaft, das Evangelium von Jesus Christus, bis zum Geht-Nicht-Mehr verbiegen. Gott hingegen will, dass wir aus der Quelle des lebendigen Wassers UMSONST schöpfen können, und dabei bleibt es.

Noch ein letzter Gedanke: Wenn wir auf die Jahreslosungs-Karte schauen, erkennen wir die Quelle ganz gut. Sie liegt wohl etwas verborgen, aber im Mittelgrund des Bildes ist sie sichtbar, auch ohne Lupe. Wir kennen also die Quelle – erzählen wir anderen davon? Laden wir sie dazu ein? Dass ich es immer tue, klar, das erwartet man von einem Pfarrer und toleriert es auch. Aber habe nur ich die Aufgabe, von Jesus zu erzählen? Vor ein paar Jahren hat meine frühere Deutschlehrerin einen bemerkenswerten Satz gesagt: „Wenn ich die Quelle kenne und sage es nicht weiter, dann mache ich mich schuldig.“ Dieser Satz hat mich damals im positiven Sinn betroffen gemacht. Weil er mich betrifft. Und er betrifft auch Sie und euch. Er stellt uns vor eine Jahres-Aufgabe, die nicht immer leicht sein wird: „Erzähle den Anderen davon, aus welcher Quelle du trinkst und wo man sie findet.“

Eine Aufgabe als Abschluss der Predigt? Nein. Diese Aufgabe ist nur die logische Folge von Gottes Versprechen, das wir heute hören: Gott wird uns jeglichen Durst stillen und wird nicht zulassen, dass wir auf der Strecke bleiben. Gott will, dass es uns auch 2018 gut geht, und wird das Seine dazutun. Freut euch darüber, und: Sagt es weiter!

Amen.