Liebe Gemeinde,

in dieser Woche habe ich einige Stunden mehr als sonst in der Schule verbracht, denn es waren Notenkonferenzen. Nächste Woche bekommt ihr Halbjahres-Zeugnisse. Schwarz auf weiß, lest ihr und eure Eltern dann, nicht: wie fähig ihr seid, sondern:

für wie fähig ihr eingeschätzt werdet. Und vielleicht fragt ihr euch bei den nicht so guten Noten, wie oft auch wir Erwachsenen, wenn wir Misserfolge erleben: Haben sich die ganzen Mühen überhaupt gelohnt?

An diesen Punkt kam vor 2000 Jahren auch der Apostel Paulus. Ihm hatten Menschen aus der Gemeinde in Korinth vorgehalten: „Du bist nicht zum Apostelamt berufen und unfähig. Beweise uns gefälligst, dass du ein brauchbarer Prediger und Seelsorger bist.“

Was tun? Paulus schrieb den Korinthern einen Brief und zählte erst einmal seine Verdienste auf, die er sich um die Sache Jesu Christi erworben hatte. Das liest sich im 2. Korintherbrief dann so:

Da andere sich selbst rühmen, rühme ich mich auch. Sie sind Diener Christi? Ich bin's weit mehr! Ich habe mehr gearbeitet, bin öfter gefangen gewesen, habe mehr Schläge erlitten, bin oft in Todesnöten gewesen. Ich hatte Mühe und Arbeit, Hunger und Durst, und außer all dem noch die Sorge für alle Gemeinden.

Seine Gegner hatten auch seinen Glauben angezweifelt und gefragt, woher er Jesus so gut kenne. So erzählte Paulus von seiner Begegnung mit dem Auferstandenen vor Damaskus. Und nun hätte er triumphierend schreiben können: "Ihr seht: Wenn überhaupt einer für diesen Dienst geeignet und würdig ist, dann ich.“ Aber Paulus ging es nicht ums Rechthaben, und so lenkte er den Blick weg von sich, auf Gott - und schrieb:

Wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich kein Narr; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen. Und der Herr hat zu mir gesagt: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine ist in den Schwachen mächtig.“

So will ich mich rühmen meiner Schwachheit, durch sie kann die Kraft Christi in mir wohnen. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen.

Paulus wollte gar nicht seine eigenen Verdienste ins Rampenlicht rücken; wichtiger war für ihn das Versprechen Gottes, das er an sich erfahren hatte: "LASS DIR AN MEINER GNADE GENÜGEN, DENN MEINE KRAFT IST IN DEN SCHWACHEN MÄCHTIG." Das hieß und heißt bis heute: Was einer weiß oder kann, ist für Gott kein Gesichtspunkt, wenn es um den Wert eines Menschen geht.

"LASS DIR AN MEINER GNADE GENÜGEN, DENN MEINE KRAFT IST IN DEN SCHWACHEN MÄCHTIG." So hat Martin Luther diesen Satz übersetzt - aber wenn ich diesen Vers aus der griechischen Urfassung Wort für Wort übersetze, dann steht da: "Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft findet in den Unvollkommenen Raum."

Das ist nun etwas ganz Anderes. Denn das bedeutet: Damit Gottes Kraft in einem Menschen wirken kann, braucht es Raum; es braucht Lücken. Nur in unvollkommenen Menschen kann Gott wirken!

Das steht natürlich in Widerspruch zu dem, wie wir sonst leben: Es soll ja alles möglichst vollkommen sein bei uns. In der Schule soll der Bildungsplan erfüllt werden; lückenlos muss das Wissen der Schüler sein, die gute Noten haben wollen. Auch im Beruf sollen wir fehlerlos sein, vollkommene Arbeit abliefern; und in unserem privaten Leben und in allem, was man so wahrnehmen kann - auch da soll alles perfekt sein. „Es kommt nur voran, wer funktioniert." - Das ist zwar so bei uns; aber ob Gott das auch so sieht? Ob Gott uns auch nur an dem misst, was wir können? Ich glaube das nicht.

Gott sagt etwas Anderes – etwas, das uns heute noch unverändert gilt. Zu jedem und jeder von uns sagt Gott: "Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft findet in den Unvollkommenen Raum."

Ein wirklich ungeheuer wichtiger Satz! Da sagt uns Gott: "Es muss nicht alles perfekt sein in deinem Leben. Ärgere dich nicht über das, was dir fehlt an Fähigkeiten und Möglichkeiten. Traue mir zu, dass ich, dein Gott, dir über deine Unvollkommenheiten hinweghelfe."

So entlarvt Gott unseren Wahn, dass alles in unserem Leben vollkommen sein müsse. Ohne Gottes Dazutun sind wir vielmehr ganz schön aufgeschmissen.

Doch das sehen viele Menschen nicht ein, und die wenigsten können solche Sätze ertragen. Vielleicht sind unsere Gottesdienste deshalb so leer, weil da nicht die Fähigkeit der Menschen, sondern Gottes Gnade in den Mittelpunkt rückt - und das zerstört ja das Menschenbild, das uns anerzogen wurde und heißt: Wenn du etwas wirklich erreichen willst, dann wirst du das auch schaffen.

Gott aber will uns helfen, will an uns und in uns wirken. Freilich kann Gott nur da wirken, wo wir ihn wirken lassen und in unserem Leben Raum lassen dafür. In jemandem, der sagt "Ich habe alles im Griff, ich kann mir selbst helfen" - in dem kann Gott kaum wirken.

Aber umgekehrt heißt das auch: Wo wir an unsere eigenen Grenzen gekommen sind, wo wir aus eigener Kraft nicht mehr weiterkommen, wo all unser Planen und Überlegen ohne Erfolge bleibt, dort beginnt Gott schon zu wirken. Wo wir noch dabei sind, an uns selbst zu verzweifeln, dort fängt Gott bereits an, uns zu helfen. Wir dürfen unsere ganzen Mühen und Sorgen einfach an Gott abgeben und sagen: "Ich schaffe es nicht allein; jetzt mach du, Gott." Und wenn ich als Pfarrer an unser Gemeindeleben denke, in dem manches nicht rundläuft, auch da darf ich zu Gott sagen: "Wir kommen nicht mehr weiter, unsere Konzepte greifen nicht, wir haben keine neuen Ideen - lieber Gott, zeig du uns doch jetzt den Weg." Nicht auf unsere Leistungen ist Gott aus, sondern darauf, dass wir unsere Pläne, ja unser ganzes Leben in seine Hand legen und auf ihn bauen.

All das heißt nicht: Hände in den Schoß legen und denken, der liebe Gott wird es schon richten. Aber Tatsache ist, dass wir Menschen aus eigener Kraft manchmal nur wenig, von Gottes Hilfe aber alles erwarten dürfen.

Wenn wir aus dieser Predigt nur den einen Gedanken mitnehmen, dass Gott uns auch in unserer Unvollkommenheit liebt, dann war die Predigt außerordentlich erfolgreich.

Lasst es uns einfach nicht vergessen: Wir Menschen dürfen gar nicht vollkommen sein; wir brauchen Lücken - und diese Lücken sind notwendig, denn wo hinein sollte Gott sonst seinen Geist füllen?

Amen.