Liebe Gemeinde,

ein Gottesdienst, in dem zwei Vereine unterm Jahr an ihre Verstorbenen denken und ihnen zu Ehren den Gottesdienst musikalisch gestalten, das ist ein Ausdruck von

Achtung gegenüber den Verstorbenen, von Stil und von Qualität des Vereinslebens. Ich bin sehr dankbar, dass es diesen Gottesdienst gibt, zumal er noch etwas Anderes bewirkt: nämlich, dass wir auch unterm Jahr, weit weg vom Totensonntag, daran erinnert werden: Unsere Zeit ist begrenzt, es gehen Menschen von uns und eines Tages werden auch unsere Namen verlesen werden.

Auf vielfältige Weise hatten wir alle schon zu tun mit Sterben, mit Leid und mit Traurigkeit. Manchmal trägt uns in einer solchen Lage unser Glaube – aber nicht immer. Manchmal hätte wir so gerne ein Zeichen der Nähe Gottes; ein Zeichen dessen, dass Jesu Worte auch Macht haben mitten im Leid.

„Jesus, gib uns ein Zeichen“ - das verlangten auch schon Jesu Zeitgenossen. Jesu Antwort finden wir im Matthäusevangelium:

„Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht fordert ein Zeichen, und es wird ihm kein Zeichen gegeben werden außer dem Zeichen des Propheten Jona. Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein.“

Harte Worte. Jesus ließ sich erst gar nicht auf die Forderung nach einem Zeichen ein, sondern wurde böse: “Wenn ihr nicht Zeichen seht und Wunder, so glaubt ihr nicht. Aber es wird euch kein anderes Zeichen gegeben werden als das des Jona.”

Jona – da erinnerte Jesus an den Mann, der nach einer alten Geschichte drei Tage und Nächte im Bauch eines Riesenfisches verbringen musste. So wie Jona, würde auch Jesus, drei Tage in der Finsternis zubringen, als Toter nach der Kreuzigung. Dieses Zeichen seiner Göttlichkeit unterstrich Jesus mit seiner Auferstehung. Aber selbst diesem Zeichen glaubten nicht alle.

Jesus sah den Unglauben seiner Zeitgenossen voraus. Nur so wird sein hartes Urteil verständlich: Ihr sündiges Geschlecht! Da suchten sie nach Zeichen und Beweisen - dabei stand ER SELBST, Gottes Sohn, der Messias, direkt vor ihnen. Vor ihren eigenen Augen heilte er Kranke, tat Wunder, predigte vom Reich Gottes, und sie wollten einen Beweis haben. Sie hatten sich den Messias vorgestellt als einen, der dreinschlägt und den Himmel auf die Erde bringt. Dieser sanfte Jesus war aber so anders, dass sie Gottes Gegenwart nicht erkannten.

Ich fürchte, es würde uns ähnlich gehen wie Jesu Zeitgenossen. Wir messen ja auch fast alles an dem, wie es nach unseren Vorstellungen sein müsste - wir würden Jesus, wenn er zu uns käme, wohl auch nicht erkennen.

Vielleicht denken jetzt einige: "Aber ein kleines Zeichen, das könnte Gott uns doch ab und zu geben. Dann könnten wir auch leichter glauben." Solche Gedanken sind kein Verbrechen. Aber es ist gefährlich, nach Zeichen Gottes zu suchen, ich will das an einem Beispiel erklären:

Als sich vor gut 30 Jahren Aids immer weiter verbreitete und immer mehr Erkrankte daran starben, sagten viele Menschen: Mit Aids gibt Gott der Welt ein Zeichen. Er straft damit die Menschen für ihre Unzüchtigkeit. Liebe Gemeinde, solche Reden waren vor allem aus dem Munde von - so genannten - guten Christen zu hören, aber unbarmherzigere Sätze habe ich nur selten gehört. Wenn es ein Zeichen Gottes wäre, dass Gott Menschen für ihre Sünden durch Krankheit strafen würde, dann müsste die ganze Menschheit in Kliniken liegen.

Dies zeigt: Es ist gefährlich, in irgendwelche Geschehnisse ein Zeichen Gottes hineinzuinterpretieren. Jesus wollte uns vor dem Herumspekulieren bewahren: “Es wird euch kein anderes Zeichen gegeben werden als das des Jona!”

Das Zeichen des Jona – das bedeutet: Wir sollen in unserem eigenen Leben damit rechnen, dass auch wir manchmal in einer Dunkelheit unseres Lebens landen und uns dann erst einmal besinnen müssen, wie es mit uns weitergeht. Doch Gott kann uns aus diesen Notlagen auch wieder befreien. Die vollkommene Dunkelheit und die anschließende Errettung - in Jesu Sterben und Auferstehung hat Gott den Menschen damals dieses Zeichen des Jona gegeben. Und bis auf den heutigen Tag ist das Jonazeichen der Wegweiser aus dem Leid heraus. Denn wo wir uns vom toten und wieder auferstandenen Herrn leiten lassen, können wir auch eigenes Leid, Bitterkeit, Verzweiflung, Angst und Scheitern annehmen. Denn Gott wird es für uns nicht beim Dunkel belassen, sondern uns genauso wie Jesus und Jona aus den Finsternissen unseres Lebens auch wieder herausführen.

So spüren wir heute beim Gedenken an unsere Verstorbenen wohl Traurigkeit, ja; aber auch die Gewissheit, dass sie auf dem Weg aus dem Dunkel sind – und nicht aus Gottes Armen fallen werden.

Und wir Anderen? Niemand von uns wird von Dunkelheiten verschont bleiben. Gebe Gott, dass wir uns in solchen Momenten an das Zeichen des Jona erinnern. Und dass Menschen da sind, die uns nicht vertrösten, sondern bestärken in der Hoffnung: „Gott hört mein Gebet“.

Amen.