Liebe Gemeinde,

 

in der Schriftlesung haben wir vom leidenden Jesus gehört. Über Leid bin ich in den letzten Wochen mit vielen Menschen ins Gespräch gekommen:

Im Religionsunterricht in der 12. Klasse haben wir uns einige Wochen lang mit der Frage befasst, wie das denn ist, wenn Menschen leiden: Bekommt Gott das mit? Kann Gott eingreifen? Will Gott eingreifen? Wir haben sehr, sehr dichte Gespräche darüber geführt. Und einander vieles mitgeteilt von dem, was wir glauben und was nicht.

Letzte Woche im Konfirmandenunterricht ging es um Abendmahl und Kreuzigung. „Hätte Gott verhindern können, dass Jesus leidet?“ hat eine gefragt. Und ein anderer hat geantwortet: „Ja, es ist Gott, und der kann alles!“

Am gleichen Tag haben wir abends im „Treffpunkt Bibel“ überlegt: „Lässt Gott Leid zu? Wenn Gott barmherzig und allmächtig ist, wenn Gott also Leid verhindern will und Leid verhindern kann – warum gibt es dann noch Leid auf der Welt?“

Das fragten sich wohl auch viele Menschen bei Jesu Kreuzigung. Die, die auf Jesu Seite standen, werden sich erschrocken gefragt haben: „Wo bleibt Gott? Wann greift Gott hier ein?“

Jesu Feinde aber, die spotteten über Jesus: „Er soll sich selber helfen, wenn er der Christus, der Auserwählte Gottes, ist.“ Und der Verbrecher, der ein Kreuz weiter hängt, fordert Jesus verbittert auf: „Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns!“

Da hängt Jesus am Kreuz, muss unglaubliche Schmerzen ertragen, haucht langsam sein Leben aus - wo ist Gott in diesem Moment? Kann er nicht eingreifen – er ist doch der Allmächtige?!  Will er nicht eingreifen – er ist doch der Barmherzige?! 

Warum greift Gott nicht ein? Wo ist Gott? Die Menschen unterm Kreuz ahnen nicht einmal die Antwort.

Denn die Antwort heißt: Gott ist hier, mittendrin. Nicht im Himmel, überm Kreuz; nicht auf den Zuschauerrängen, neben dem Kreuz; nein, Gott ist am Kreuz.

Gott am Kreuz. Liebe Gemeinde, das ist für viele ein ungeheuerlicher, undenkbarer, unsympathischer Gedanke. So abwegig, dass viele dem Glauben den Rücken gekehrt haben.

Manche sagen: „Was bringt mir ein Gott am Kreuz? Ich brauche keinen Gott, der leidet; sondern einen, der Leid verhindert. Es gibt so viel Leid auf der Welt, und Gott tut nichts dagegen. Warum lässt Gott es zu, dass Menschen verhungern, in Kriegen fallen, bei Attentaten umkommen, verunglücken? Es gibt so viel Unrecht auf der Welt und Gott tut nichts dagegen. Deshalb glaube ich nicht an Gott.“

Über solche Reden ärgere ich mich dann doch oft. Dürfen wir Gott für Unrecht und Gewalt verantwortlich machen? Dürfen wir Gott die Schuld dafür in die Schuhe schieben, dass Menschen nicht nach seinen Geboten leben? Würden sie es tun, gäbe es weder Unrecht noch Krieg und auch keine Armut.

Deshalb dürfen wir nicht fragen: Wo ist Gott in Syrien? Sondern: Warum scheuen weltweit die Politiker vor klaren Worten und Taten zurück und lassen wehrlose Menschen im Stich, die nur die Wahl haben, ob sie durch Assads Bomben oder Erdogans Kugeln ums Leben kommen? Und wir dürfen auch nicht fragen: Wieso griff Gott nicht ein, als neulich in den USA ein 9-Jähriger Junge seine Schwester erschießt? Fragen wir lieber, warum nichts dagegen getan wird, dass schätzungsweise 1,7 Millionen amerikanische Kinder in Haushalten leben, in denen geladene Waffen ungesichert aufbewahrt werden.

Für alles Gott verantwortlich zu machen, ist mir zu einfach, zu billig. Glaubt irgendwer, Gott würde sich freuen, wenn Menschen leiden?

Gott hasst es, wenn Menschen leiden:

Es ist Gott verhasst, dass Kinder gepeinigt und Frauen vergewaltigt werden.

Es ist Gott verhasst, dass Menschen durch Terror ihres Lebens beraubt werden.

Es ist Gott verhasst, dass in unserem Land 1,5 Millionen Menschen auf Tafelläden angewiesen sind, während andere nicht wissen, wo sie ihr vieles Geld ausgeben sollen.

Es ist Gott verhasst, dass in so vielen Ländern dieser Erde in den Schaltzentralen der Macht Wahnsinnige sitzen, die bereit sind, für ihr krankes Ego jederzeit Tausende und Millionen Menschen in abgrundtiefes Leid zu stürzen.

Und es ist Gott verhasst, dass so viele Menschen NICHT den Mund aufmachen angesichts des vielen Unrechts das geschieht, weltweit und – mit Verlaub – vor unserer eigenen Haustüre, an unseren eigenen Wohnorten.

Gott hasst das Leid, das ist das eine, was zu sagen wäre.

Das zweite aber ist genauso wichtig: Gott ist den Leidenden ganz nahe. Auch denen, an deren Leid niemand schuld ist: denen, die schwer erkranken; denen, die durch ein Unglück zu Schaden kommen; denen, die in einem entscheidenden Moment versagen; denen, bei denen von einem Moment zum anderen ein Lebenstraum platzt. Denen ist Gott nahe.

Dass uns Gott in einem schweren Moment ganz nahe war, wird meist erst im Rückblick erkennbar. Und manches Leid bekommt im Nachhinein einen tieferen Sinn, aber das kann nur der Mensch feststellen, der selbst leidet. Niemals dürfen wir zu einem leidenden Menschen diesen gefühllosen Satz sagen: „Wer weiß, wozu es gut ist.“

Denn manchmal hat Leid überhaupt keinen Sinn; vor allem dann, wenn ein Mensch stirbt. Der tödliche Arbeitsunfall in Bodersweier letzte Woche wird niemals einen Sinn bekommen. Der Tod von zwei ertrunkenen Kinder, die ich vor Jahren beerdigen musste, genauso wenig; ebenso wenig der Tod der sieben Säuglinge, an deren Grab ich stand; auch nicht der Tod eines Vaters von vier Kindern, der im Advent schwer erkrankte, für den sich Hunderte Hände falteten und der dann doch vor zwei Wochen gehen musste.

Dass ein Mensch stirbt, gehört zwar zu unserem Menschsein dazu, aber es ist immer etwas Trauriges und oft auch Sinnloses.

Aber ein Leid, liebe Gemeinde, ein Leid, das hatte seinen Sinn: der Tod Jesu. Der wird dieser Welt für immer eingeprägt sein, als bleibendes Zeichen: An jenem Tag haben sie zwar den Messias, den Retter, ans Kreuz genagelt. Aber dann hat Gott seine Macht gezeigt, die stärker ist als jeder Tod.

Seit jenem Tag auf Golgatha gilt: Wer leidet, der geht den Weg Jesu mit. Und Jesu Weg, liebe Gemeinde, der endete eben nicht mit dem Tod, sondern mit einem neuen Sein, einem unbeschwerten, beglückten Leben in den Armen Gottes. Und so heißt unser Weg: durch das Kreuz zum Leben.

Wir hören das heute am Karfreitag, der uns jetzt noch vom Osterfest trennt. So, wie wir durch den Karfreitag hindurchmüssen, um das Osterfest feiern zu können, so gibt es auch keinen anderen Weg zur Auferstehung als den durch den Tod. Da müssen wir durch. Aber wir wissen, dass dahinter einer auf uns wartet: ER.

Amen.