Liebe Gemeinde,

im Psalm zu Beginn des Gottesdienstes haben wir gebetet: "Der Herr ist mein Hirte." So schön das Bild von Gott als dem guten Hirten ist, mit seiner Kehrseite freunden wir uns nicht so leicht an: Denn

dass uns einer führt, passt zwar gut zu einem kleinen Kind - aber WIR wollen unsere Wege doch selbständig gehen.

Ihr Konfirmanden erlebt das oft: Da wird euch gesagt "Tue dies und tue jenes nicht", "Gehe dahin, aber bleibe dort weg". Eure Eltern sagen das, und von ihnen nehmt ihr es auch an - oft. Es gibt auch noch andere Hirten, in der Schule etwa oder in euren Vereinen - ab und zu versucht auch der Pfarrer, so etwas wie ein Hirte, oder genauer ein Wegweiser zu sein.

Wir Erwachsenen sind da etwas anders: Wir wollen alles selbst bestimmen, gehen die Wege, die wir für richtig halten. Brauchen wir einen Hirten, der uns sagt, wo es langgeht?

Wenn die ersten Christen beteten "Der Herr ist mein Hirte", meinten sie: "Ich will mich von Gott leiten lassen." Ihnen war außerdem wichtig, dass es Menschen gab, die sich um das Wohl der Gemeinde kümmerten wie Hirten um ihre Herden. Diese Menschen nannte man „Älteste“, lebenserfahrene Menschen, die darauf achteten, dass die Menschen ihren Glauben leben konnten. Sie kümmerten sich auch um die Armen und um alle, die von Sorgen und Nöten geplagt wurden. Ihnen schrieb ein Apostel, wie sie ihr Amt ausfüllen sollten, davon lesen wir im ersten Petrusbrief:

Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll: Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist, und achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt, nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund, nicht als solche, die über die Gemeinden herrschen, sondern als Vorbilder der Herde. So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen.

Da werden also die Ältesten der Gemeinde ermahnt: Achtet auf die, die euch anbefohlen sind. Kümmert euch um die Menschen, so wie Jesus es an eurer Stelle tun würde.

"Weidet die Herde Gottes."

In vielen Gemeinden vor 400, 500 Jahren wurde das wörtlich genommen. Da kümmerten sich die Ältesten, also die Kirchengemeinderäte, um alle Gemeindeglieder, allerdings in einer Form, die für die Gemeindeglieder sehr unangenehm war: Die wurden nämlich überwacht. Wer nicht zum Gottesdienst kam, bei dem tauchte im Laufe des Sonntags ein Ältester auf und fragte, wo er war. Hatten Ehepartner miteinander Streit, wurde das von den Ältesten besprochen und entschieden. Auch auf Kinder und Jugendliche achteten die Ältesten: Damals wäre undenkbar gewesen, dass Konfirmand/inn/en abends weggehen. Da wären sofort die Ältesten zur Stelle gewesen. Wenn zwei junge Menschen etwas miteinander hatten, dann nur unter Aufsicht der Ältesten. Und wer heiraten wollte, musste die Ältesten um ihre Zustimmung bitten.

Es ist gut, dass es heute nicht mehr so ist. Denn der Apostel hatte nicht gemeint, dass die einen die anderen überwachen sollten.

"Weidet die Herde Gottes." Ich denke, dieser Auftrag richtet sich an noch viel mehr Menschen als an Kirchenälteste oder Pfarrer. Natürlich versuchen wir im Kirchengemeinderat, uns um alles zu kümmern. Aber in unserer Gemeinde tun ja noch viel mehr Menschen Dienst für Andere: im Besuchsdienst etwa, in der Seniorenarbeit, im Kindergarten, im Kindergottesdienst - überall sind Menschen für andere da und tragen Verantwortung für sie.

Wahrscheinlich sind sogar wir alle gemeint. Ob wir ein Amt haben in der Kirche oder nicht, an uns alle ergeht der Auftrag: "Weidet die Herde Gottes."

Wie kann das aussehen?

Zunächst einmal heißt das: Nimm den Menschen, der dir begegnet, wahr. Beachte ihn und achte ihn und denke daran, dass dieser Mensch genauso wie du selbst seine Sorgen und Probleme hat. Wenn du meinst, er braucht deine Hilfe, dann geh auf ihn zu - vielleicht bist gerade du derjenige, durch den Gott bei diesem Menschen Gutes wirken will.

Das heißt natürlich noch lange nicht, dass wir nach dem Motto "Jeden Tag eine gute Tat" umeinander herumschleichen und jemanden, dem es eigentlich ganz gut geht, mit unseren Vermutungen nerven. Es gibt auch Menschen ohne Sorgen und Nöte! Aber viel schlimmer ist, wenn wir gleichgültig und kalt miteinander umgehen nach dem Motto "Jeder ist sich selbst der Nächste".

Am anderen Anteil nehmen und nicht achtlos vorübergehen, dieses Ziel hatte der Apostel. Und dann war auch noch ein zweites Ziel: die Menschen zu dem zu führen, den die Bibel einen guten Hirten nennt: zu Jesus Christus. Er allein ist es, der den Menschen Orientierung gibt. Jesus Christus und sonst niemand.

Das klingt schön - aber ist es so? Wer ist unser Hirte, von wem lassen wir uns leiten? Wer sind die Hirten unserer Zeit? Ist es wirklich Christus - oder machen ihm andere den Platz streitig?

Wenn ich an euch junge Menschen denke - ist es wirklich Jesus, von dem ihr euch leiten lassen wollt? Oder sind die Leitfiguren für viele von euch nicht Youtuber, Sportler oder Megastars?

Und wir Erwachsenen sind auch nicht viel anders. Schauen wir genauso oft in die Bibel wie auf die Kontoauszüge? Ist unser Hirte, unsere Leitfigur, wirklich Jesus, der uns zu Gottvertrauen und Mitmenschlichkeit einlädt - oder sind es die Großen und Mächtigen, die wir bewundern und beneiden?

Wir müssen uns schon entscheiden. Ein wenig Jesus am Sonntag, aber ansonsten nach anderen Vorbildern und Leitbildern leben, das ist zu wenig. Jesus will uns ganz, auch unter der Woche, in allen Bereichen. Natürlich dürfen wir auch noch andere Vorbilder und Hirten haben. Aber sie müssen sich an dem einen Hirten, an Jesus Christus, messen lassen. Gottlose Hirten können wir nicht brauchen, und wir dürfen ihnen als Christen auch nicht folgen.

Ich wünsche uns vor allem dreierlei: Zum einen, dass jede/r von uns mindestens einen Menschen hat, dem er genauso vorbehaltlos vertrauen kann wie ein Schaf seinem Hirten. Zum anderen wünsche ich uns gerade dort, wo es schwierig wird, die Gottes-Erfahrung, die der Psalm beschrieben hat mit den Worten: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“  

Amen.