Liebe Gemeinde,

wir haben vorhin die Pfingstgeschichte des Evangelist Lukas gehört. Sie erzählt, wie damals ein neuer Geist, eine neue Kraft in die Welt gekommen ist.

Diese neue Kraft – zuerst haben sie die Jünger gespürt, danach

die vielen Menschen, die in Jerusalem waren; die 3000, die zum Glauben fanden und sich taufen ließen; und seither hat diese Kraft nicht aufgehört, Menschen zu erfassen, zu stärken und zu ermutigen, so zu leben, dass sie diese Welt nach Gottes Willen mitgestalten. 3000 Jahre geballte Kraft von Gott für die Welt – wenn das kein Grund zum Feiern ist!

Kraft von Gott durch seinen guten Geist – wie aber sieht das aus, wenn dieser Geist Menschen beflügelt? Bedenklich finde ich immer, wenn Menschen herumposaunen: „Wir haben den Geist Gottes!“ Diese christliche Arroganz wollte Jesus nicht.

Da halte ich es lieber mit dem 2. Timotheusbrief, der den Geist Gottes mit wenigen Worten eindrucksvoll beschreibt. Da steht:

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

Für mich ist das ein ganz besonders aussagekräftiger Bibelvers, vor allem, seit ich ihn verstanden habe. Das war, als ich ihn aus dem griechischen Urtext übersetzt habe. Und da wird einem einiges klarer.

Schon der erste Halbsatz ist falsch: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht“. Das klingt gut. Und glatt. Aber das Wort, das hier im Griechischen steht, heißt einfach „Feigheit“. Oder, wie Luther übersetzt hat: „Verzagtheit“

Also: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Feigheit“. Das heißt für uns als Christen in der Welt: Macht den Mund auf! Ihr müsst euch nicht fragen: „Was sagen die anderen über mich?“ Die einzige Frage, die zu stellen ist, heißt: „Was erwartet Gott von mir?“ Und der erwartet von uns, dass wir als einzelne Christen genauso wie als Christengemeinde seinen Willen bezeugen, vor allem dort, wo Unrecht getan, wo gelogen, wo betrogen und wo Gottes Wille mit Füßen getreten wird.

Klar, beliebt macht man sich nicht dadurch. Aber wir müssen uns die Frage stellen: „Was ist mir wichtiger: Bei Menschen beliebt oder Anwalt von Gottes Willens zu sein?“

Keine Feigheit, keine Verzagtheit! Wir dürfen mutig sein. Und Gottes Geist schafft noch mehr in uns, vielleicht haben wir es noch im Ohr: Kraft und Liebe und Besonnenheit.

Kraft, die brauchen wir alle. Und Gott schenkt sie uns auch. Sie ist ein nahezu unerschöpflicher Quell für unser Leben. Sie ist manchmal einfach Kraft zum Durchhalten, zum Hoffen, zum Wieder-Aufstehen. Allerdings erschöpft sie sich darin nicht. Kraft heißt im Griechischen „dynamis“ - davon ist auch das Wort „Dynamit“ abgeleitet. Nun ist das ein schwieriges Bild in einer Zeit, in der immer mehr Menschen Sprengstoffanschlägen zum Opfer fallen. Es ist manchmal nötig, ein paar ungute Dämme zu sprengen, etwa den Damm der Unwahrheit, damit die Wahrheit wieder gehört werden kann; oder den Damm der Zurückhaltung oder den Damm der falsch verstandenen Liebe.

Falsch verstandene Liebe? Ja. Wenn ich zurückschaue auf fast 35 Jahre im kirchlichen Dienst, habe ich manchmal Entscheidungen gefällt, die ich mit „Nächstenliebe“ begründet habe, die bei näherem Hinsehen aber zu einem faulen Frieden führten.

Wir Christen halten die Liebe hoch, das ist gut, sie ist das Wichtigste, sagt Paulus. Aber manchmal geht mir diese Liebe – sorry – einfach gewaltig auf den Wecker, wenn sie daherkommt im Gewand eines sanften Halleluja-Feelings, Peep-peep-peep, wir haben uns alle lieb usw. Ich glaube, Gott will uns gar nicht so sanftmütig. Klar, gute Worte sind etwas Wohltuendes. Aber Jesus hat auch Klartext geredet. Und sich unbeliebt gemacht.

Zur Liebe unter Christenmenschen gehört manchmal auch das knallharte Wort, die schonungslose Wahrheit, die wir einander als Schwestern und Brüder schuldig sind. Liebe heißt nicht: dem Anderen alles durchgehen lassen: Das funktioniert nicht in der Ehe, nicht in der Erziehung und auch nicht im Blick auf unser Miteinander als Christenmenschen.

Wenn von Liebe die Rede ist, dann wird uns auch noch eine ganz andere Frage gestellt, nämlich: Wofür brennst du? Was ist mit der Liebe zu Gott? Und zu Jesu Wort?

Es bleibt noch ein Wort: die Besonnenheit: Auch da liegt die Versuchung nahe, das zu verstehen als: lieb sein, nirgends anecken, achtsam sein, immer den Anderen Recht geben usw.

Besonnenheit, liebe Gemeinde, kann aber auch heißen: sich besinnen, und zwar auf den Auftrag!

Was ist denn der Auftrag, den wir als Christen in der Welt haben? Die Bibel antwortet: "Seid allezeit bereit zur Rechenschaft über die Hoffnung, die in euch ist."

Wäre das nicht dran, dass wir künftig noch mehr Rechenschaft geben über unsere Hoffnung und über Gottes Willen?

Lasst uns das tun mit Kraft und mit Mut zum offenen Wort, mit Kraft zum Bekennen genauso wie mit Kraft zum Streiten für eine gerechte Sache. Lasst uns laut werden, wenn es gilt, den Sonntag zu bewahren, die Recht der Armen zu stärken, die Verfolgten zu schützen, dem Genderwahn die Stirn zu bieten – trotz allem Gegenwind.

Lasst uns die Freiheit genießen, dass wir es eben nicht allen recht machen müssen! Eine Kirche, die es allen recht machen will, mag beliebt und sympathisch herüberkommen; aber sie hat unterm Strich ihren Auftrag wie auch ihren Auftraggeber verraten. Der wurde schon einmal verraten, und eigentlich sollte die Kirche nicht da stehen, wo Judas steht.

Und wenn es zwischendurch zu schwer wird, dann lasst uns nicht vergessen:

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“

Amen.