Liebe Gemeinde,

da vielleicht bald der Herbst kommt, ist es nun wieder Zeit für die Gartenarbeit. Ich habe bei einer Inspektion des Pfarrhausgartens gesehen, dass da

aus kleinen Büschen ein kleiner Wald entstanden ist und nun Haselnuss-  und Forsythiensträucher ausgegraben werden müssen. Während sich bei dieser Erkenntnis meine Vorfreude in Grenzen hielt, fiel mir ein Wort Jesu ein. Hatte der nicht einmal etwas gesagt vom Glauben, der uns Bäume ausreißen lässt?

Das steht in der Tat so in der Bibel. Die Jünger schon Monate unterwegs mit Jesus waren, Wunder miterlebten und Jesu Predigten hörten, aber merkten, dass ihr Glaube trotzdem da und dort nicht stark war. Der Evangelist Lukas erzählt:

Eines Tages sagten die Jünger zu Jesus: „Stärke uns den Glauben!“

Eigentlich hätte Jesus sich darüber freuen müssen, denke ich. Aber als Antwort haut er den Jüngern einen Satz um die Ohren, dass es ihnen zunächst einmal die Sprache verschlägt. Jesus, so überliefert der Evangelist, sagte: "Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen 'Reiß dich aus und erhebe dich ins Meer!' und er würde euch gehorchen!"

Ein Senfkorn hat nicht mal einen Millimeter Durchmesser, und ein Maulbeerbaum ist ein kräftiger Baum, der sich nicht so einfach entwurzeln lässt. Und da sagt Jesus: "Ein klein wenig Glauben würde euch schon genügen, um ungeahnte Kräfte freizusetzen, um Dinge zu schaffen, die ihr euch sonst nie und nimmer zutrauen würdet."

Diese Geschichte spricht mich sehr an. Bei den Jünger erkenne ich eine Erfahrung, die auch viele von uns schon gemacht haben: Manchmal ist unser Glaube arg schwach, trägt uns nicht, wir brechen ein wie auf zu dünnem Eis.

Es gibt Situationen, da ist es fast zum Verzweifeln, einige Beispiele: Wie gerne hätte ich einen unerschütterlich starken Glauben, wenn ich einen verzweifelten Menschen vor mir habe, aber selber keinen Rat für ihn weiß. Wie gerne würde ich an das Gute im Menschen glauben, höre aber in den Nachrichten nur von Terror, Hass und Gewalt. Wie gerne würde ich an das Wirken von Gottes Geist auch in unserer Gemeinde glauben, werde aber durch die immer leereren Kirchen fast schon ratlos. In solchen und ähnlichen Momenten bitte ich Jesus auch "Stärke mir den Glauben". Sicherlich gibt es bei uns allen ähnliche Momente.

Und da werden wir nun abgespeist mit Jesu Bildwort vom Senfkorn und dem Maulbeerbaum. Zumindest sieht es auf den ersten Blick so aus. Aber wenn ich genau hinschaue, entdecke ich in diesen Worten noch etwas Anderes: Jesus traut uns zu, Bäume auszureißen, und sagt: "Wo du glaubst, wirklich allein auf mich vertraust, da können richtige Wunder geschehen; die Kraft, die du dafür brauchst, die kommt nicht aus dir selbst, sondern ist ein Gottesgeschenk"

Natürlich kann auch der gläubigste Mensch keinen Baum durch die Luft fliegen lassen. Daher sollten wir das mit dem Bäume-Ausreißen nicht wörtlich nehmen.

Bei Jesu Worten vom Maulbeerbaum fällt mir nocht etwas ganz Anderes ein: Das ist ja ein Baum mit unglaublich festen Wurzeln. Wurzeln – das klingt gut: Wir sind ja auch in vielem verwurzelt: zum Beispiel in einer schönen Heimat, in einer warmherzigen Familie, in einer Sicherheit gebenden Beziehung oder in einem zuverlässigen Freundeskreis.

Nun gibt es aber auch Verwurzelungen und Bindungen, die sich nicht so positiv auf unser Leben auswirken, etwa Sorgen vor einer ungewissen Zukunft oder die Angst, zu versagen, oder die Abhängigkeit von den Launen anderer Menschen oder ein Mangel an Selbstwertgefühl. Diese unguten Bindungen geben uns nicht Halt, sondern sie behindern uns, schränken uns ein und nehmen uns gefangen.

"Wenn ihr Glauben hättet so groß wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu diesem Maulbeerbaum sagen 'Reiß dich aus und erhebe dich ins Meer!' und er würde euch gehorchen!"

Da bietet Jesus uns also einen Glauben an, der uns etwas wagen lässt und uns stark genug macht, alles loszuwerden, das uns nach unten zieht, es einfach abzuschütteln. Ein paar Mal in meinem Leben habe ich das erlebt; habe spüren können, wie Fesseln abfallen, wie ich frei werde von dem unguten Sog nach unten, wie der Blick sich plötzlich wieder nach oben richtet und sich nicht mehr nach unten senken muss. Das sind Momente, in denen unser Glaube die Senfkorngröße deutlich überschreitet. Und doch sind es nur Momente. Denn der Glaube wird uns nicht verliehen wie ein Orden, den wir uns ein Leben lang um den Hals hängen können. Es gehört - und das macht es manchmal so schwer - zu unserem Christendasein dazu, dass wir auch Phasen der Anfechtung erleben; Zeiten, in denen wir an Gott, an unseren Mitmenschen, oft auch an uns selbst, fast irrewerden. Doch es gibt dabei keinen Moment, in denen Gott uns vergessen würde, ob mit starkem oder schwachem Glauben.

Anscheinend haben das die Jünger verstanden, denn sie sind bei Jesus blieben; und Jesus hat sie trotz ihres Mini-Glaubens nicht weggeschickt. Im Gegenteil: Auf genau diese Versammlung von Glaubenszwergen baute Jesus seine Kirche. Nicht die Perfekten waren die Säulen der ersten Kirche, sondern Menschen, die an sich und manchmal wohl auch an Gottes Macht gezweifelt haben. Und das ist bis auf den heutigen Tag so geblieben. Jesus traut uns manchmal so glaubensschwachen, wankenden Menschen tatsächlich zu, seine Sache weiterzutreiben und dafür zu kämpfen, dass da und dort das Reich Gottes zumindest erahnbar wird. Und ab und zu, da lässt uns Gott dann tatsächlich den einen oder anderen Baum herausreißen oder gar einen kleinen Berg versetzen. Amen.