Liebe Gemeinde,

gleich drei Mal binnen drei Wochen haben wir im September Gemeindeglieder zu Grabe tragen müssen. Bei allen drei Bestattungen haben wir die Botschaft der Bibel gehört, die uns sagt, dass der Tod nicht das Letzte ist, was wir aus Gottes Hand empfangen dürfen; und dass uns

durch die Auferstehung ein neues, unvergängliches Leben versprochen ist. So haben wir es in der Schriftlesung gehört.

2000 Jahre hat das Menschen getröstet. Doch wir Menschen des 20. und 21. Jahrhunderts haben gelernt, Fragen zu stellen und alles zu hinterfragen. Und so fragen wir: „Stimmt das denn überhaupt mit der Auferstehung? Kann das sein?“ Und viele kommen ins Zweifeln, weil sie sich nicht vorstellen können, dass da noch etwas kommt.

Zweifeln ist nicht verboten. Ohne Zweifel kein Glaube. Aber vielleicht hilft uns zum Überwinden unserer Zweifel die folgende Geschichte von Henri Nouwen:

Es geschah, dass in einem Schoß Zwillingsbrüder empfangen wurden. Die Wochen vergingen und die Knaben wuchsen heran. In dem Maß, in dem ihr Bewusstsein wuchs, stieg die Freude.

„Sag, ist es nicht großartig, dass wir empfangen wurden? Ist es nicht wunderbar, dass wir leben?“

Die Zwillinge begannen ihre Welt zu entdecken. Und als sie die Schnur fanden, die sie mit ihrer Mutter verband und die ihnen die Nahrung gab, da sangen sie vor Freude: „Wie groß ist die Liebe unserer Mutter, dass sie ihr eigenes Leben mit uns teilt!“

Als aber die Wochen vergingen und schließlich zu Monaten wurden, merkten sie plötzlich, wie sehr sie sich verändert hatten.

„Was soll das heißen?“ fragte der eine.

„Das heißt“, antwortete der andere, „dass unser Aufenthalt in dieser Welt bald seinem Ende zugeht.“

„Aber ich will gar nicht gehen“, entgegnete der erste, der zweite sagte: „Aber vielleicht gibt es ein Leben nach der Geburt!“

„Wie könnte das sein?“, fragte zweifelnd der erste, „wir werden unsere Lebensschnur verlieren und wie sollten wir ohne sie leben können? Und außerdem haben andere vor uns diesen Schoß hier verlassen und niemand von ihnen ist zurückgekommen und hat uns gesagt, dass es ein Leben nach der Geburt gibt. Nein, die Geburt ist das Ende!“

So fiel der eine von ihnen in tiefen Kummer und sagte: „Wenn die Empfängnis mit der Geburt endet, welchen Sinn hat dann das Leben im Schoß? Es ist sinnlos. Womöglich gibt es gar keine Mutter hinter allem.“

„Aber sie muss doch existieren“, prophezeite der andere, „wie sollten wir sonst hierhergekommen sein. Und wie könnten wir am Leben bleiben?“

„Hast du je unsere Mutter gesehen?“ fragte der eine. „Womöglich lebt sie nur in unserer Vorstellung. Wir haben sie uns erdacht, weil wir dadurch unser Leben besser verstehen können“.

Uns so waren die letzten Tage im Schoß der Mutter erfüllt mit vielen Fragen und großer Angst.

Schließlich kam der Moment der Geburt. Als die Zwillinge ihre Welt verlassen hatten, öffneten sich ihre Augen. Sie schrien. Denn was sie sahen, übertraf ihre kühnsten Träume.

 

Ich glaube, dass wir gar nicht so anders sind als die Zwillinge. Vor allem einer von den beiden konnte überhaupt nicht glauben, dass es da noch etwas ganz Anderes geben würde, weit außerhalb seines Vorstellungsvermögens und ganz anders als der Lebensbereich im Bauch, den er als einzigen kennengelernt hatte.

Den Zwillingen im Bauch würden wir raten: „Wartet es ab – es kommt noch etwas Unglaubliches!“

Auch im Blick auf unser eigenes Leben, genauso wie im Blick auf unsere Verstorbenen, gilt das. „Wartet es ab – es kommt noch etwas Unglaubliches!“

Und deshalb, lasst uns unseren Lebensweg gehen in Zuversicht, getröstet und mutig, und ohne Angst vor dem, was kommt. Fürchtet euch nicht!

Amen.