Liebe Gemeinde,

„Unfriede herrscht auf der Erde“, haben wir gerade gesungen, und der Titel dieses Liedes entspricht leider der Realität: Es herrscht Unfriede – weltweit, in und zwischen Ländern; es herrscht Unfrieden in unserem Land; und Unfriede herrscht zuweilen auch

mitten in unserem eigenen Leben.

„Unfriede herrscht auf der Erde“ in einer Zeit, in der oft die Rede ist vom Krieg 3.0, in dem die Kriegsführenden per Knopfdruck töten und mittels Videoaufnahmen überprüfen können, ob ihr Bomben- oder Granatenangriff auch die erwünschten Treffer gebracht haben.

In diese Situation des Unfriedens hinein erzählt uns das Evangelium von Jesu Gefangennahme und vom mutigen Auftreten des Petrus, der als Bodyguard Jesus mit dem Schwert verteidigt; und von Jesu Aufruf zur Friedfertigkeit, der sicherlich Freund und Feind gleichermaßen verwundert hat: „Stecke das Schwert an seinen Ort“, sagt Jesus zu Petrus.

Wir hören das als Menschen, die das Schwert ja auch manchmal ziehen. Das liegt in unserer Natur, sagen wir.

Jesus – übrigens auch ein Mensch – zeigt hier, dass man noch ganz anders mit Unrecht umgehen kann. Jesus lässt das Unrecht einfach an sich geschehen. Jesus will nicht einmal Hilfe.

Die Kernfrage ist nun: Muss ich Jesu deutlichen Aufruf zur Gewaltlosigkeit wörtlich nehmen? Was gilt für uns heute?

Heute, das heißt zunächst einmal: Todestag des Martin von Tours. Er zog sein Schwert – aber benutzte es vollkommen zweckentfremdet: Nicht als Mittel zum Töten, sondern um Leben zu erhalten. Martin von Tours ist der erste namentlich bekannte Wehrdienstverweigerer. Eine besondere Verpflichtung für jeden, der seinen Namen trägt.

Heute, das heißt auch: auf den Tag genau 100 Jahre nach dem Waffenstillstand zum Ende des Ersten Weltkrieges, der die Spirale der Gewalt in bis dato ungeahnte Höhen geschraubt hatte. Jeder Krieg führte zu neuen Kriegen: Auf die napoleonischen Kriege war der Deutsch-Französische Krieg gefolgt. Dieser war eine der Grundlagen für die Kriegsbegeisterung 1914. Und der so genannte Friedensvertrag von Versailles konnte den erneuten Krieg nicht verhindern, sondern begünstigte ihn durch seine gewaltigen Auflagen.

Heute, das heißt aber auch: genau 80 Jahre nach der so genannten Reichspogromnacht, mit der in Deutschland eine Gewaltmaschinerie gegen jüdische Mitbürger in Gang gesetzt wurde, die im unfassbaren Verbrechen des Holocaust enden sollte. Unsere jüdischen Mitmenschen haben sich damals nicht gewehrt. Sie waren genauso gewaltlos wie Jesus. Aber was war mit den Anderen? Hätten alle Deutsche guten Willens sich selbst mehr zugetraut, wenn schon Gottes 12 Legionen ausgeblieben waren – wäre das Unheil zu vermeiden gewesen? Offene Fragen. Und niemand hat ein Recht, sie leichtfertig zu beantworten.

Warum hat Jesus auf Gewalt verzichtet? Zu Petrus sagte er: „Meinst du, ich könnte meinen Vater nicht bitten, und er würde mir sogleich mehr als zwölf Legionen Engel schicken?“

12 Legionen – 7200 Engel. Wären es Kampf-Engel gewesen? Oder Friedens-Engel?

Wenn ich 29 Jahre zurückdenke, fallen mir Millionen Friedens-Engel ein. Die gingen in der DDR mit Gottvertrauen auf die Straße, riefen „Keine Gewalt“ und fegten allein mit der Kraft des Gebetes ein Unrechts-Regime auf den Dreckhaufen der Geschichte.

Es geht also mit dem Verzicht auf das Schwert. Auch wenn dies oft damit gepaart ist, Unrecht und Schläge einzustecken.

Wir schreiben den 11.11.2018. Morgen beginnt wieder unser Alltag. Jeder und jede von uns hört Jesu Aufforderung: „Stecke dein Schwert an seinen Ort!“

Werden wir es schaffen?

Können wir aussteigen aus dem Kreislauf der Gewalt, den Jesus beschrieb mit den Worten: „Wer das Schwert zieht, wird durch das Schwert umkommen.“ Gewalt erzeugt Gegengewalt.

Schaffen wir den Ausstieg aus dem Teufelskreis?

Vielleicht sollten wir barmherzig zu uns selbst sein und mit kleinen Schritten beginnen. Indem wir zum Beispiel nicht dem Recht-Bekommen nachjagen, auch nicht dem Recht-Haben. Stattdessen könnten wir einfach bei uns selbst anfangen und uns auf die Suche nach Gerechtigkeit machen. Vielleicht sollten wir ganz einfach die Gerechtigkeit tun und für die den Mund aufmachen, die Unrecht erleiden.

Wir dürfen Gott selbst unsere Sache anbefehlen. Da darf ich im ökumenischen Gottesdienst sogar Martin Luther zitieren: „Es streit für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren.“

Amen.