Liebe Gemeinde,

 

vielleicht haben wir noch den einen Satz aus der Lesung im Ohr: „Des Herrn Tag wird kommen, wie ein Dieb.“ Das Ende der Welt kommt also überfallartig, ohne große Ankündigung.

Uns beschäftigt diese Frage, wann die Welt untergehen wird, nicht so sehr. Wohl niemand von uns hat heute Morgen überlegt, ob

es am Abend diese Welt noch gibt. Laut Astronomen wird erst in sechs Milliarden die Erde in die Sonne eintauchen und zerschmelzen. Und das bekommen wir nicht mehr mit.

Ich weiß aber nicht, ob wir so leichtfertig über dieses Bibelwort hinweggehen dürfen. Wenn ich an das Ozonloch denke, Baumsterben, Klimakatastrophen und vieles mehr, wie wir die Güter dieser Erde zerstören, dann befürchte ich, dass wir mit dem Ende der Welt Gottes Plan zuvorkommen könnten.

Doch vom drohenden ökologischen Weltuntergang wusste der Apostel damals nichts. „Des Herrn Tag wird kommen wie ein Dieb“ - so warnte er seine Mitmenschen. Dieser Satz treibt vielleicht auch uns um, weil er uns daran erinnert, wie unsere eigene Lebenswelt ganz plötzlich zusammenbrechen kann:

  • Ich denke an unsere Verstorbenen. Manche starben, nachdem eine lange Krankheit ihre Kräfte aufgezehrt hatte. Andere aber wurden vom eigenen Tod überrascht - bei der Arbeit, bei einem Unfall oder mitten im Feierabend.
  • Ich denke an die unter uns, die jemanden aus der Familie oder dem Freundeskreis verloren haben. Das hat ihre Lebenswelt vollkommen verändert. Ein wichtiger, vielleicht der wichtigste Bestandteil ihrer Lebenswelt ist nicht mehr da. Da, wo man das Herz fühlte, ist jetzt nur noch ein schmerzendes Loch, voller Dunkelheit und Verlassenheit.

Zum Totensonntag gehören auch die vermeintlich kleinen Tode, die wir erleben/sterben:

  • Ich denke an die, deren Ehe oder Partnerschaft zerbrochen ist. Irgendwann war die Liebe nicht mehr fest, das Band nicht mehr stabil genug, um zwei Menschen zusammenzuhalten. Zur neuen Lebenswelt gehören auch Schuldgefühle, Vorwürfe und durchwachte Nächte.
  • Ich denke an Eltern, die ihre besten Jahre ihren Kindern geschenkt haben und nun erleben, dass sie für ihre Kinder uninteressante, alte Menschen geworden sind.
  • Ich denke an Menschen, die von einem Tag zum anderen krank werden oder mit einer Behinderung leben müssen.
  • Ich denke an Menschen, die sich viel vorgenommen haben, die einen Traum verwirklichen wollten, aber nun damit fertig werden müssen, dass ihr Lebensentwurf geplatzt ist.
  • Ich denke an Menschen, die in ihrer Heimat Wärme erlebt haben, sie aber dann verlassen haben und in der neuen Umgebung alleine geblieben sind.
  • Ich denke an Menschen, die erkennen mussten, dass das, was sie für eine Freundschaft hielten, nichts anderes war als eine unverbindliche Bekanntschaft, die schon der ersten kleinen Belastungsprobe nicht standhielt.
  • Ich denke an junge Menschen, die als Kinder mit Illusionen aufgewachsen sind, nun aber den Ernst des Lebens kennenlernen und nach dem Sinn des Lebens suchen.

Auf diese Weise haben wir alle schon schmerzhaft erfahren müssen, dass nichts in unserem Leben dauerhaften Bestand hat. Und da drängt sich die Frage auf: Was heißt Leben angesichts der Zerbrechlichkeit all dessen, was uns dieses Leben bereichert und schönmacht? Hilft uns unser Glaube dabei, dass wir trotz Rück- und Tiefschlägen leben können?

Nüchtern gesehen, gibt es für uns drei Lebensmöglichkeiten:

Entweder wir sagen „Mit dem Tod ist alles aus“ und führen ein Leben in Verbitterung, Zynismus und Bösartigkeit.

Oder wir sagen „Ich weiß nicht, ob da noch etwas kommt nach diesem Leben - deshalb will ich jetzt leben, will genießen, will mitnehmen und erleben, was geht.“

Der Apostel bietet uns eine andere Lebensperspektive an, wir haben sie vorhin gehört: „Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“ Für viele Menschen klingt das nach Vertröstung. Und immer mehr Menschen lachen uns Christen aus, wenn wir von unserer Hoffnung auf das ewige Leben reden. „Sei doch nicht so blöde, dich vertrösten zu lassen - kein Mensch kann dir beweisen, dass da noch einen Himmel gibt. Genieße dein Leben jetzt, lass nichts aus, dann musst du dir am Ende deines Lebens nicht vorwerfen, du hättest etwas versäumt.“ So reden viele und leben entsprechend.

In einem gebe ich jedem Menschen, der so denkt und redet, recht: Niemand kann beweisen, dass es das ewige Leben gibt und dass wir vom Tod auferstehen werden.

Aber man müsste mir schon die Zunge herausreißen, um zu verhindern, dass ich Ihnen und euch sage, woran wir als Christen glauben dürfen: Ich glaube daran, dass Gott seine Verheißungen erfüllen wird. Ich glaube daran, dass Leid und Not, Krankheit und Tod, Abschied und Verlust nicht das letzte sind, was wir aus Gottes Hand zu erwarten haben. Und ich bin mir gewiss, dass kein Leid dieser Welt ewig bleiben wird, und dass wir nach unserem Tod das erleben werden, was Gott dem Seher Johannes gezeigt hat, der geschrieben hat:

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen, und das Meer war nicht mehr da. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

Amen.