Liebe Gemeinde,

wie in jedem Jahr am 1. Advent haben wir auch vorhin in der Lesung gehört, wie Jesu nach Jerusalem kam. Als einzige taucht diese Geschichte zwei Mal im Kirchenjahr auf: heute und dann wieder am Palmsonntag. Während es am dann um Jesu Leiden in Jerusalem geht, geht es am Beginn der Adventszeit um

die Frage: „Wer ist der, der da kommt?“

Wahrscheinlich haben sich die Menschen verblüfft die Augen gerieben, als Jesus auf einem Esel in die Stadt ritt. Sie hofften zwar, dass sich irgendwann die Weissagungen der Propheten erfüllen würden, die von dem König erzählten, durch den Gott sein Volk erlösen würde aus allem Leid, das es erdulden musste. Aber sollte wirklich der, der da auf einem armen Esel einzog, der Messias sein? Der, der keinen prächtigem Tross dabei hatte? Dem keine Soldaten den Weg bahnten, sondern den nur ein paar armselige Frauen und Männer begleiteten? Der sollte der König sein?

Einige stellen fest: Ja, er ist es. Denn der Prophet Sacharia hatte seinerzeit verkündet: „Dein König kommt zu dir, arm und reitet auf einem Esel.“ Und so streuen nun einige Palmzweige und legen ihre Gewänder auf den Weg – als Zeichen, dass sie einen König willkommen heißen. Die Anderen wenden sich ab und sagen: „Der kann kein König sein. Auf einem Esel, ohne Pracht, ohne Soldaten – nein, dieser merkwürdige Mensch, der ist es wirklich nicht.“

Ich glaube, liebe Gemeinde, das ist bis heute die Kernfrage des Advents: „Glaubst Du, dass dieser Jesus der Sohn Gottes ist, der verheißene König, der Heiland und Retter der Welt und auch deines Lebens? Glaubst du das? Kannst du das glauben?“

Wahrscheinlich würde es leichter fallen, an einen Jesus zu glauben, der mit einer ganzen Legion Soldaten erschienen wäre und in Jerusalem mit allem Unrecht erst einmal ganz kräftig aufgeräumt hätte. Und manchmal, da bin ich ganz ehrlich, manchmal wäre mir einer, der einmal so richtig dazwischenhaut, viel lieber als der sanftmütige Jesus.

Aber gerade darum ist diese Geschichte am ersten Advent so wichtig. Jesus, so erzählt uns die Bibel, ist anders als erwartet. Jesus kommt als der ganz andere König. Seine Zeichen der Macht sind weder Waffen noch Armeen noch Geld. Jesus kommt ohne Macht, als der freundliche, sanftmütige König.

Jesus kommt, aber er überrennt uns nicht. Niemandem rennt er das Haus ein, bis heute. Er kommt zu uns, in unser Leben, jeden Tag, in der Adventszeit denken wir ganz besonders daran. Er kommt zu uns, steht vor unserem Lebenshaus und sagt: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.“ Jesus klopft an bei uns, aber brüllt nicht „Sofort aufmachen!“ Er klopft an, steht vor der Tür und wir entscheiden, ob wir ihn in unser Leben einlassen.

Wie aber kann das aussehen – dass wir Jesus in unser Leben hineinlassen? Wie kann das wahr werden, was wir im bekanntesten Adventslied besingen mit den Worten „Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist“?

Es gibt kein Patentrezept. Bei mir selber habe ich aber mit den Jahren vier adventliche Schritte erkannt, die mir hilfreich sind:

Der erste Adventsschritt heißt: zur Ruhe kommen. Unmöglich in der Adventszeit? Nur, wenn wir es nicht probieren. Alle haben wir in den nächsten Wochen vieles zu tun und zu erledigen – aber wenn wir genau hinschauen, merken wir, dass vieles davon absolut überflüssig ist. Wer hindert Sie, sich jeden Tag eine ruhige, besinnliche halbe Stunde zu gönnen? Nichts und niemand, wenn Sie das wollen!

Der zweite Schritt heißt: Ich entdecke Gottes Wort für mich selbst. Mir tut es gut, wenn ich in diesen Tagen die Bibel zur Hand nehme und die adventlichen Geschichten lese – denn da merke ich, dass Jesus auch für mich in die Welt gekommen ist, genauso wie für euch und für Sie. Es sind keine alten Schinken: dass Jesus in die Welt kommt, ist aktuell und wirklich.

Der dritte Adventsschritt heißt: Wo ich spüre, dass Jesus mit meinem Leben und mit mir selbst zu tun hat, da kann ich ihn in mein Leben einlassen. Und da merke ich, dass er alles mit mir teilt: meine Hoffnungen, meine Freuden, auch meine Zweifel, meine Ängste, meine Traurigkeiten und mein Versagen. Ich muss mich ganz schön oft verstellen – bei Jesus muss ich das nicht.

Nun ist Jesus aber nicht nur in die Welt gekommen, damit es mir gut geht. Er ist ja auch der Heiland der Anderen, nicht zuletzt der Vielen, die schlechter dran sind als ich. So erinnert mich der vierte und letzte Adventsschritt an Jesu Wort, dass er uns in unseren geringsten Schwestern und Brüdern begegnet. Zu denen gehören ohne Zweifel die 900 Millionen Menschen, die jetzt gerade Hunger haben. Den Notleidenden als Bruder und Schwester zu erkennen, das ist das Grund-Anliegen der Aktion „Brot für die Welt“. BfW gehört genauso zum Advent wie der Adventskranz. Zum 60. Mal wird in der Adventszeit für BfW gesammelt – und das eben nicht, um unsere vorweihnachtliche Spendenfreudigkeit auszunutzen, sondern weil wir damit beim Kern dessen sind, was das heute heißen kann: Jesus in mein Leben einzulassen. Wo ich mein Herz für den fernen Nächsten öffne, da ist Jesus nicht weit.

„Es ist genug für alle da“ hieß das „Brot-für-die-Welt“-Motto vor ein paar Jahren, und das erinnert uns auch heute noch daran, dass es den Hunger auf der Erde nicht gibt, weil zu wenig Nahrung da wäre, sondern weil Essen und Trinken und Lebenschancen ungerecht verteilt sind. Wer aber für BfW spendet, macht mit als kleines Rädchen im großen Laufwerk der notwendigen Umverteilung. Die meisten von uns haben immer noch so viel, dass sie ein klein wenig abgeben können. „Es ist genug für alle da.“

Lang ist der Weg dorthin zu einer gerechteren Welt. Und es braucht einige Schritte, so wie auch unser persönlicher Adventsweg viele Schritte braucht. Aber dieser Adventsweg lohnt sich, denn er führt uns zu einem Leben mit mehr Sinn, mit mehr Tiefe und letztlich mit mehr Nähe zu Jesus, der unser Leben so hell und reich machen kann.

Amen.