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Liebe Gemeinde,

eine merkwürdige Schriftlesung haben wir da vorhin gehört: Da war die Rede von Zeichen, die am Himmel geschehen, und vom Ende der Zeiten. Passt uns das überhaupt - in unserer vorweihnachtlichen Stimmung, zwei Wochen vor dem großen Fest?

Viel lieber würden wir vermutlich

etwas Beschauliches hören. Aber was uns da in der Lesung begegnet, ist das Evangelium dieses Tages, es enthält auch den Wochenspruch: "Steht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht."

Während der Advent bei uns geprägt ist von Kerzen und Gebäck, von Einkäufen und Vorfreude, hieß er für die ersten Christen, die noch kein Weihnachtsfest kannten: "Irgendwann wird Jesus wiederkommen, sein Reich errichten und uns erlösen. "

Deshalb war damals kein Platz für Sterne, Tannenbaum oder Adventskranz. Es ist wichtig, das zu sagen, weil wir in unseren geschäftigen "Alle-Jahre-wieder-Vorbereitungen" oft den Kern dieser stillen Zeit kaum noch wahrnehmen. Der zweite Advent lenkt unseren Blick weg vom Behaglichen. Er sagt uns: Inmitten eures Trubels gibt es Menschen, die leiden und Erlösung brauchen.

Um Menschen, die sich nach Erlösung sehnten, geht es auch im für heute vorgegebenen Bibelabschnitt aus dem Propheten Jesaja. Dessen Zeitgenossen litten unter Zuständen, die geprägt waren von Angst vor fremden Soldaten, Sorge ums tägliche Brot und der Frage, ob Gott sie denn verlassen hatte. Ihnen sagte Gott durch den Propheten:

Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt und wird euch helfen.«

Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande.

Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren. Es wird da kein Löwe sein und kein reißendes Tier darauf gehen; sie sind dort nicht zu finden, sondern die Erlösten werden dort gehen.

Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Wunderbare Bilder sind das, die der Prophet gebraucht, und obwohl wir in einer ganz anderen Zeit, in ganz anderen Zuständen leben, sprechen diese Bilder uns an:

”Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!" Mir fallen die ein, die in diesen Tagen vor lauter Stress nicht fähig sind zu auch nur einem Funken Vorfreude auf das Fest; oder die, die einfach nicht mehr können und denen fast die Luft ausgeht vor lauter Sorgen und Dingen, die erledigt werden müssen.

"Sagt den verzagten Herzen: 'Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!‘“ Da denke ich an die, die Angst haben: vor dem Advent, vor dem Fest, vor der Einsamkeit trotz vieler Menschen um sie herum. Ihnen allen wird versprochen, dass es anders werden wird: "Die Lahmen werden springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken."

Und nicht nur im Leben der Einzelnen wird Gottes Ankunft die Dinge zum Guten ändern - auch im Großen wird es besser: "Es wird dort eine Bahn sein, die der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten, kein reıßendes Tier wird ihn gehen."

Was für Aussichten mitten in einer gewalttätigen, betrügerischen, oberflächlichen und gottlos gewordenen Welt!

Vielleicht denken einige unter uns jetzt: Das ist mir zu wenig - auf Gott zu vertrauen und auf Erden alles zu erdulden. Aber es geht nicht um das stille Erleiden, sondern um die Frage: Was traust du Gott eigentlich zu? Hast du noch Hoffnung? Lässt du in deinem Leben noch Raum, dich von Gott überraschen zu lassen?

Gerade die adventlichen und weihnachtlichen Geschichten sind voll von solchen Überraschungen: Da sind etwa Zacharias und Elisabeth, die es aufgegeben haben, noch auf ein Kind zu hoffen - und dann wird Zacharias von einem Engel überrascht, der ihm die Geburt des Johannes ankündigt. Dann überrascht ein Engel die ahnungslose Maria mit der Botschaft, dass sie den Retter der Welt gebären wird. Neun Monate später werden einfache Hirten auf den Feldern überrascht mit der Ankündigung, dass sie den Heiland der Welt sehen werden. Und bald überrascht ein Engel die Weisen aus dem Morgenland mit der Ankündigung, dass sie den Messias ausgerechnet dort finden werden, wo sie ihn niemals vermutet hätten: in einem armseligen Holzverschlag.

Lauter überraschende Geschehnisse, an die wir in diesen Tagen denken. Und immer sind Engel dabei! Was das mit uns zu tun hat? Klar, niemandem von uns werden in der Heiligen Nacht die himmlischen Heerscharen begegnen, das dürfte ziemlich sicher sein. Aber ich glaube, dass Gott auch für uns noch Überraschungen auf Lager hat. Überraschungen, mit denen er unser Leben heller, freundlicher, erfüllter zu machen vermag. Nur brauchen, so wie damals, Gottes Überraschungen auch heute noch Engel, Boten der Liebe Gottes, und zwar solche Engel, die nicht auf Flügel angewiesen sind, sondern sehr menschliche Züge tragen. Jeder und jede von uns kann einem anderen zu einem Engel werden, genauso wie ich Gott auch zutraue, dass er zu jeder und jedem von uns einen solchen Engel in Menschengestalt schicken kann.

Falls wir jetzt noch rätseln, wie wir zum anderen zum Engel werden können, wie wir es für einen anderen Menschen ein wenig heller werden lassen können, wie wir mitwirken können, damit wenigstens ein Mensch von seinen Beschwernissen erlöst wird, dann reicht die Erinnerung an das, was wir vorhin gesungen haben: "So nehmet euch eins um das andere an." So einfach, so schnell, so menschlich kann das mit Gottes Überraschungen gehen. Ich wünsche uns, dass Gott uns noch oft überraschen wird.

Amen.