Liebe Gemeinde,

im Frühjahr habe ich in allen Gemeindegruppen, im Kirchenbezirk und am Anne-Frank-Gymnasium eine große Umfrage über Krippenspiele und die biblische Weihnachtsgeschichte durchgeführt, habe 163 Umfragebögen ausgewertet, und es hat sich gezeigt, dass

Krippenspiele sehr weit weg von dem sind, was im Weihnachtsevangelium über die Geburt Jesu steht. Wir haben es vorhin gehört: Der Evangelist Lukas erzählt weder vom Stall noch von Ochse und Esel, noch vom Stern, der den Hirten den Weg nach Bethlehem gezeigt hätte – und schon gar nicht sagt der Evangelist, dass auch nur ein Einwohner Bethlehems die heilige Familie abgewiesen hätte. Dabei tauchen doch gerade die unfreundlichen Wirte in so gut wie jedem Krippenspiel-Klassiker auf. Nein, die Bethlehemer waren nicht unfreundlich zu Maria und Josef.

Seit Jahren beklagen palästinensische Christen und Juden, dass durch diese erfundenen Wirte-Szenen die Bethlehemer in mitteleuropäischen Krippenspielen so negativ dargestellt werden. Zitat der bekannten palästinensischen Christin Faten Mukaker: „Nie hätte einer von uns jemanden an der Türe weggeschickt. Schon gleich nicht eine schwangere Frau. Da ist immer Platz!“

Dass sich ein Volk in seiner Ehre verletzt fühlt, liebe Gemeinde, das darf nicht das Ergebnis von Krippenspielen sein! Die bösen Wirtsleute von Bethlehem sind erfunden worden, damit Krippenspiele etwas mehr los ist.

In Wirklichkeit fanden Maria und Josef vor 2000 Jahren sehr wohl Platz – „in einer Herberge“, sagt der Evangelist Lukas. Und der Evangelist Matthäus schreibt über die „Weisen aus dem Morgenland: Sie „gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria“.

So heißt der erste Teil der Weihnachtsbotschaft 2018: Maria und Josef wurden nicht abgewiesen, sondern fanden offene Türen vor. Und das ist Grund zur Dankbarkeit: Gott wird Mensch und findet eine offene Türe.

Die offene Tür, liebe Gemeinde, die führt uns direkt hierher in den Heiligabend 2018. Durch die offene Türe sind wir hereingekommen vorhin:

  • Angezogen vom Licht
  • Fasziniert vom Kind in der Krippe
  • Offen für die Botschaft, die damals erklungen ist und heute wieder laut wird: „Dir ist heute der Heiland geboren!“

Die offene Tür kann auch das Miteinander von uns Menschen bestimmen. So wie Jesus nie einem Menschen die Tür zu sich verschlossen hat, so lädt er uns ein, dass auch wir immer wieder nachdenken über die Türen, die wir zwischen uns und anderen Menschen verschlossen haben.

Jesus sagt: „Ihr sollt das nicht tun. Ihr müsst es auch nicht tun. Lasst euch von dem anregen, was ich euch vorgelebt habe.“ So lädt Jesus uns ein, Türen zu öffnen, die wir verschlossen haben; Türen offen zu halten auch für die, die uns unfreundlich begegnet sind; den Fuß in der Tür zu lassen auch für die, die nicht mehr mit uns zu tun haben wollen; Türen offen zu halten ins Haus unseres Lebens – und vor allem Türen offen zu halten in unsere Herzen.

Wo Menschen zueinander finden, da ereignet sich immer ein kleines Stück Weihnachten, öffnet sich eine Tür wie seinerzeit in Bethlehem.

„Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis“, hat Nikolaus Hermann in seinem Weihnachtslied gedichtet. Das Paradies, das Reich Gottes, können wir in Ansätzen erleben, wo sich Türen öffnen.

Die ersten, die das erlebt haben, sind die Hirten. Sie sind fassungslos – und gleichzeitig hören sie die Botschaft: „Fürchtet euch nicht!“

„Fürchtet euch nicht, denn euch ist der Heiland geboren!“ Und: „Fürchtet euch nicht, denn sein Licht macht auch viel Dunkel hell!“

So haben die Engel damals Gottes Botschaft verkündigt – zu Menschen, die wahrlich Grund genug zu Angst und Furcht hatten. Die haben die Botschaft verstanden.

Aber diese Botschaft muss auch weiterhin laut gesagt werden – der ganzen Welt mit all ihren Menschen, von denen so viele Gefangene ihrer Ängste und Nöte sind.

Liebe Gemeinde, neue Engel braucht unsere Zeit. Ganze himmlische und irdische Heerscharen sind nötig, um in diese oft so dunkle und kalte Welt hinein zu verkündigen: „Fürchte dich nicht!“

„Fürchtet euch nicht und lasst euch nicht ängstigen!“

So fürchtet euch nicht, ihr Verwundeten und Erschreckten vom Straßburger Weihnachtsmarkt - die Zeit kommt, dass die Hände, die die Waffe benutzt haben, sich euch zum Frieden reichen!

Fürchtet euch nicht, ihr Obdach suchenden Flüchtlinge, die ihr weltweit auch heute Abend zu kämpfen habt mit Meereswellen, mit Maschinengewehren, die auf euch gerichtet sind, mit Nationalismus und mit Zäunen und Mauern, mit denen andere ihre vollen Teller vor euch schützen. Fürchtet euch nicht, denn Gott wird euch eines Tages in das Land seiner Wahl führen!

Fürchtet euch nicht, ihr Ratlosen, die ihr heute nicht wisst, wie es weitergehen soll in eurem Leben: Mit dem Licht, das aus der Krippe scheint, wird Gott euch den Weiterweg zeigen!

Und: Fürchtet euch nicht, ihr alle, die ihr hier seid, besonders die, die heute Abend zu kämpfen haben mit Trauer und Traurigkeit, mit Leid und Sorgen, mit Einsamkeit und Armut. Fürchtet euch nicht, weil Gott eure Not schon lange gesehen hat!

Vielleicht ist es das, liebe Heiligabendgemeinde, was wir als Wichtigstes mitnehmen können in die Heilige Nacht, in unseren Alltag und in die Zeit, die uns gegeben ist: diesen einfachen Satz „Fürchtet euch nicht!“ Habt keine Angst, weder vor Menschen noch vor der Zukunft. Denn Gott ist nicht nur vor 2000 Jahren in das Leben der Hirten getreten - er steht auch vor unserer Tür.

Gott ist bereits hier, auch in Deinem eigenen Leben. ER ist bei dir und er ist für dich da. Vergiss es nicht.

Amen.