Liebe große ökumenische Gemeinde, Schwestern und Brüder,

sicher kennt niemand hier Schwester Luise. Sie war meine Kindergärtnerin. Immer in Diakonissentracht, hielt sie locker 60 Kinder in Schach. Schwester Luise konnte leckere Tees kochen. Und hatte eine noch größere Gabe:

Sie konnte wunderbar biblische Geschichten erzählen.

Eine dieser Schwester-Luise-Geschichten haben wir als Evangelium gehört: der 12-jährige Jesus im Tempel. Dass Jesus seinen Eltern richtig ausgebüchst war, das erwähnte Schwester Luise nur knapp. Aber ausführlich widmete sie sich dem Satz: „Dann kehrte Jesus mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam.“ Schwester Luise sagte dazu: >>Wisst ihr, der Jesus hat seinen Eltern immer gehorcht. Wenn die Maria zu Jesus gesagt hat „Hilf mir heut beim Einkaufen“, hat Jesus gesagt „Ja, Mama.“ Wenn Josef gesagt hat „Jesus, ich brauch dich in der Werkstatt“, ist Jesus sofort aufgesprungen: „Ich komm, Papa.“ Oder wenn die Maria zu Jesus gesagt hat „Pass bitte auf deine kleinen Brüder auf“, dann hat Jesus gesagt „Ja, Mama“ und war ganz lieb zu seinen kleinen Geschwistern und hat keins geärgert. Und wenn Josef gesagt hat „Jesus, wir müssen einen Schrank einbauen, dann hat Jesus gerufen: „Papa, ich komme mit.“ <<

Bis heute hat Schwester Luise bei mir fast Heiligenstatus, auch wenn sie die Geschichte damals heftig als Erziehungsmittel eingesetzt hat. Denn was der Evangelist Lukas hier erzählt, hat nur wenig zu tun mit einer Heiligen Familie, sondern zeigt eine normale Familie, in der es ans Eingemachte geht: Da will einer seine eigenen Wege gehen!

Irgendwann merkt Maria, dass Jesus fehlt. Das ist ja schon fast der Klassiker, den viele von uns erlebt haben, meist bei Kindern von zwei, drei, vier Jahren: im Kaufhaus oder Europapark oder Schwimmbad oder sonst irgendwo: Plötzlich fehlt das Kind. Wie vom Erdboden verschluckt.

Ich kann mich erinnern, wie ich einmal bei Karstadt in Heilbronn in der Spielwarenabteilung einen Moment zu lang nach Märklin-Loks suchte – schon war der zweijährige Jonas weg. Das Kind weg, der Blutdruck bei gefühlten 250, Panik breitet sich aus. Im meine, es waren nur zwei, drei Minuten, bis ich den Buben bei den Rennbahnen fand, aber das Gefühl war furchtbar.

Und genau diese Situation hat Jesus nun seinen Eltern zugemutet. Die Bibel erzählt uns nicht, wie Maria sich gefühlt hat. Wahrscheinlich hat sie so empfunden:

(Diana 1:) „Mensch, Jesus war doch noch nie so lange weg. Wo mag der sein? Ich mache mir wirklich große Sorgen.“

Oder war Maria eine ganz moderne Mutter? 

(Diana 2:) „Er ist ja immerhin schon 12 Jahre alt und recht selbständig und vernünftig. Er wird schon wieder heimfinden. Und ich will ja keine Helikopter-Mama sein.“

Vielleicht war Jesus auch ein etwas anstrengendes Kind. Könnte Maria dann vielleicht folgendes gesagt haben:

(Diana 3:) „Ich bin froh, dass er jetzt mal weg ist. Der hat in letzter Zeit so genervt, jetzt kann ich erst mal durchatmen.“

Sollte Maria so gedacht haben, tut das ihrer Heiligkeit für mich keinen Abbruch. Mit sechs, sieben Kindern blieb ihr gar nichts Anderes übrig als mit beiden Beinen auf dem Boden zu stehen.

Maria und Josef waren natürlich nicht die einzigen, die Jesu Verschwinden bemerkt hatten. Sie suchten zunächst bei den Freunden. Was mögen die Freunde Jesu gedacht haben, als sie mitbekamen, dass Jesus fehlte? Wir lassen drei ein paar Jahre ältere Freunde zu Wort kommen. Der eine sagt:

(Freund 1:) „Ich kenne Jesus nun schon so lange, der hat noch nie etwas ausgefressen. Da passiert nix.“

Der zweite sagt:

(Freund 2:) „Der hat gestern doch irgendetwas gesagt von wegen ‚nochmal den Tempel genauer unter die Lupe nehmen‘.“

Der dritte sagt:

(Freund 3:) „Ich mache mir Sorgen. Wir müssen Maria und Josef unbedingt beim Suchen helfen.“

Was die Bibel nicht erzählt, ist, wie es gleichzeitig Jesus gegangen ist. Er könnte gedacht haben:

(Jesus 1:) „Meine Eltern werden sich wohl ziemlich Sorgen machen. Aber eigentlich dürfte Mama nicht überrascht sein, dass ich hier bin.“

Vielleicht hat Jesus, der Mensch und Junge Jesus, aber auch gedacht:

(Jesus 2:) „Es ist echt toll hier, aber ich fürchte, zu Hause gibt’s ein mächtiges Donnerwetter.“

Wir kennen den Ausgang der Geschichte: Josef und Maria finden Jesus unter den Gelehrten, die über Jesu religiöses Wissen staunen. Ich stelle mir den Moment vor, in dem Jesus die beiden hereinkommen sieht. Was könnte der Zwölfjährige denken?

Vielleicht wie ein heutiger Zwölfjähriger:

(Jesus 3:) „Jetzt bitte ja keinen Kuss! Und auch nicht drücken!“

Oder er dachte:

(Jesus 4:) „Mensch, das war so schön, so tolle Gespräche, so nahe bei Gott  – ich will noch nicht weggehen!“

Vielleicht dachte Jesus auch einfach:

(Jesus 5:) „Auch wenn es uncool ist: Ich habe Mum und Dad ziemlich vermisst. Schön, dass sie da sind.“

Der Evangelist Lukas erzählt, wie es weitergegangen ist: „Kind, warum hast du uns das angetan? Dein Vater und ich haben dich überall gesucht und große Angst um dich ausgestanden“, hat Maria zu Jesus gesagt.

Es hat sich nichts geändert: Damals wie heute der Drang bei jungen Menschen: „Ich will meinen eigenen Weg gehen.“ Und damals wie heute die gleiche schwere Aufgabe für die Eltern: „Wir müssen unser Kind langsam loslassen und ihm erlauben, seine eigenen Wege zu gehen.“ Das ist nicht immer leicht, für beide Seiten. Und es ist oft mit Ärger und Streit verbunden.

Für Jesus wie für Maria und wohl auch Josef war das ein wichtiges Erlebnis. Und der Evangelist hält fest: „Dann kehrte er mit ihnen nach Nazaret zurück und war ihnen gehorsam. Seine Mutter bewahrte all die Worte in ihrem Herzen.“

Wahrscheinlich hat Maria weiter, tiefer gesehen und erkannt, dass Jesus nicht einfach mal ein Abenteuer erleben wollte.

Und Jesus? Ob er damals schon wusste, wer er war? Welche Mission auf ihn wartete? Immerhin fragt er: „Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ Ich vermute, dass Jesus zumindest ahnte, dass sein Leben mit Gott eng verbunden war.

Klar ist schon hier: Jesus wird einen eigenen Weg gehen und sich nicht aufhalten lassen, wenn es um Gottes Willen geht. Die Evangelien erzählen eindrücklich von diesem Weg.

Der zwölfjährige Jesus im Tempel - das bleibt eine spannende, faszinierende Geschichte. Dank Schwester Luise. Und dank der Tatsache, dass ich heute wieder einmal darüber predigen durfte. Amen.