Liebe Gemeinde,

als wir Pfarrer/innen in der Region im vergangenen Herbst festgelegt hatten, dass wir wieder einen Kanzeltausch machen und alle von uns dann in der eigenen Gemeinde und in den Nachbargemeinden über ihren Lieblingstext predigen sollten, da musste ich nicht lange nachdenken.

Klar, es gibt viele schöne biblische Geschichten. Aber keine spricht mich so sehr an, in keiner entdecke ich immer wieder so viel Interessantes wie in der, von der ich euch und Ihnen heute erzählen möchte.

Diese Geschichte steht im Matthäusevangelium. Kurz zuvor wird berichtet, wie Jesus mit seinen Jüngerinnen und Jüngern durch ganz Israel gezogen ist. Doch dann wird Jesus der Trubel zu viel. Er braucht Ruhe. Davon erzählt der Evangelist:

Und Jesus ging weg von dort und gelangte in die Gegend von Tyrus und Sidon.

Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach, Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt.

Er aber antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach.

Jesus antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.

Die Frau aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir!

Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.

Sie sprach: Ja, Herr; aber doch essen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.

Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

Warum ist das meine Lieblingsgeschichte? Bestimmt nicht, weil da stehen würde: Wenn jemand krank ist und auf Jesus vertraut, der wird gesund. Darum geht es in dieser Geschichte nicht. Ich mache ja auch andere Erfahrungen: Ich denke zum Beispiel an Ihre Verstorbene, liebe Angehörige, an Lieselotte Schmidt, von der wir letzte Woche Abschied nehmen mussten und die keine Heilung erfahren durfte. Ich denke auch daran, dass ich im vergangenen Jahr drei Mal erleben musste, wie Menschen aus meinem eigenen Umfeld – trotz aller Gebete – nicht mehr gesund wurden. Und ich weiß ja auch nicht, ob und wie bei mir selbst die Bitte um Gesundheit auf Dauer erfüllt wird.

Diese Geschichte ist trotzdem meine Lieblingsgeschichte, und wir schauen und hören jetzt einmal genau hin.

“Jesus zog sich zurück”, beginnt die Geschichte. In Israel war Jesus so bekannt, dass er nicht mehr zur Ruhe kam. Überall warteten Menschen auf ihn: Manche, um ein gutes Wort zu hören; andere, um geheilt zu werden. Doch nun brauchte Jesus Ruhe, so zog er sich mit seinen Jüngern zurück in den Libanon. Dort würde er Ruhe haben, denn dort lebten nur Kanaanäer, Heiden.

Aber plötzlich steht da eine kanaanäische Frau. Sie schreit: “Herr, hilf mir; meine Tochter hat einen bösen Geist.” Damals wurden Krankheiten als Besessenheit durch einen bösen Geist verstanden; von diesem sollte Jesus das Kind befreien. Eine auf den ersten Blick normale Begebenheit.

Aber nichts verläuft hier normal. Dass eine Frau es wagte, fremde Männer anzusprechen, war ungewöhnlich, solche Art der Kontaktaufnahme war Prostituierten vorbehalten. Und dann galt Schreien als Zeichen eines schlechten Charakters. Zu allem Übel war diese Frau eine ungläubige, gottlose Heidin. All das, was sie getan hatte, gehörte sich einfach nicht!

Ich bewundere die Frau. Wie sehr muss sie ihr Kind geliebt haben, dass sie die Fesseln dieser Konventionen überwand! Und wie fest muss ihr Vertrauen auf Jesus gewesen sein!

Diesem raten die Jünger, das Kind gesund zu machen; sie wollen, dass wieder Ruhe einkehrt. Aber Jesus reagiert auf eine Art und Weise, wie wir es nicht von ihm erwartet hätten. Er, der sonst so Verständnisvolle und Barmherzige - “er antwortete ihr kein Wort.” Und zu den verblüfften Jüngern sagt er: “Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel.”

Ist Jesus einer, der mit Außenstehenden nichts zu tun haben will? Martin Luther hat über diese Geschichte gesagt: “Christus ist nirgends im ganzen Evangelium so hart gemalet wie hie.”

Die Jünger verblüfft, Jesus knallhart - was macht die Frau? Sie lässt nicht locker. “Herr, hilf mir.” Aber Jesus steigert seine ablehnende Haltung noch und fragt die Frau: “Ist es richtig, dass man den Kindern ihr Brot nehme und es vor die Hunde werfe?” Mit den Kindern meinte er das Volk Israel, mit den Hunden die Heiden. Wie muss die Frau sich in diesem Augenblick gefühlt haben! “Ist es richtig, dass man den Kindern ihr Brot nehme und es vor die Hunde werfe?” Dieser Satz war eine furchtbare Ohrfeige. Während heute ein Hund manchmal den Rang eines Familienmitgliedes einnimmt, war “Hund” damals ein übles Schimpfwort. Trotz dieser Demütigung bleibt die Frau hartnäckig, sie schlägt Jesus sogar mit seinen eigenen Worten und kontert mit unglaublichem Mut: “Aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen.” Da muss Jesus kapitulieren. Was für eine tiefgläubige Frau steht da vor ihm! Sie hat sich nicht vorher gesagt: “Wenn die Medizin nicht hilft, dann probiere ich es halt mal mit Jesus.” Nein, all ihr Vertrauen hat sie in diese Begegnung gesetzt, und da bleibt Jesus gar nichts anderes mehr übrig, als dieser Frau zu helfen: “Dir geschehe, wie du willst.”

Viele Theologen sagen, Jesus wollte mit seinem Verhalten den Glauben dieser Frau auf die Probe stellen. Aber spielte Jesus mit den Gefühlen seiner Mitmenschen? Ich glaube das nicht.

Ich glaube eher: Durch die Begegnung mit dieser Frau wird Jesus klar, dass seine Aufgabe über das Volk Israel hinausgeht. Man kann sogar sagen: Auch der Sohn Gottes ist noch lernfähig. Könnte es sein, dass Gott ihm diese Frau in den Weg gestellt hat, um ihm zu zeigen: “Du bist nicht nur zum Volk Israel gesandt, sondern zu allen Menschen auf der ganzen Welt.” Tatsache ist: Wir erleben hier eine Sternstunde in der Geschichte Gottes mit seinen Menschen. Nicht mehr nur um das Volk Israel, sondern um die Menschen in der ganzen Welt geht es Jesus von diesem Moment an.

Liebe Gemeinde, ohne diese außergewöhnliche Frau, die sich nicht vom “So etwas tut Frau nicht” einschüchtern ließ, hätte es vielleicht gar kein Christentum außerhalb Israels gegeben.

An jenem Tag ist eine Grenze gefallen: die Grenze zwischen denen, an die sich Gottes erste Versprechen richteten, und denen, die bis dato als Heiden bezeichnet wurden. Seit jenem Tag gilt: Es gibt keinen Menschen, dessen Leben und dessen Probleme Gott gleichgültig wären. Gott ist der Gott aller Menschen und nicht nur der Gott derer, die an ihn glauben. Und wenn diese Geschichte uns Christen eine Aufgabe gibt, dann die, dass wir auch Menschen, die selten oder nie hier auftauchen, als unsere Schwestern und Brüder betrachten und ihnen immer wieder sagen: “Ihr gehört dazu. Ihr könnt euch von Gott und von der Gemeinde entfernen, aber ihr gehört immer dazu zum großen Volk Gottes, weil er uns alle liebt.”

Amen.