Liebe Gemeinde,

die Geschichte von Jesu Verklärung, die wir in der Schriftlesung gehört haben, ist eine der geheimnisvollsten in der Bibel. Da werden drei Jünger Zeugen eines Geschehens, in dem sich ein Stück Himmel öffnet. Und Petrus,

der will gar nicht mehr weg, weil er spürt: Hier ist Gott. Vielleicht hofft er auch, etwas von Gott zu erspähen - ein uralter Wunsch der Menschheit.

Gott sehen - vor 3500 Jahren hatte auch Mose diesen Wunsch. Gottes Eingreifen hatte er zwar schon erfahren - beim Auszug, der Errettung vor den Ägyptern, auf dem Weg durch die Wüste - aber das war ihm zu wenig. Eines Tages sagte Gott zu Mose: “Du hast Gnade gefunden vor meinen Augen.” Doch Mose reichte das nicht. Sein erneutes Gespräch mit Gott können wir im 2. Mosebuch im 33. Kapitel verfolgen, dort lesen wir:

Und Mose sprach zu Gott: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“ Gott antwortete: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen. Aber mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“

Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen. Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun, und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.“

In den Wunsch des Mose können wir uns sicher gut hineinversetzen. Wir sind oft wie Mose. Gut, wir haben unseren Glauben, wir sind, wenn wir beten, im Gespräch mit Gott, wir vertrauen auf Gottes Nähe - aber oft ist da ja auch noch ein Rest Zweifel, der in uns - bewusst oder unbewusst - diesen Wunsch aufkommen lässt: Ich würde Gott so gerne sehen. Dann fiele es leichter, an Gott zu glauben, in diesem Glauben zu leben und auch einmal schwere Wege zu gehen.

Warum würden wir Gott so gerne einmal sehen? Sehen bestimmt unser Leben. Wenn ich nur höre, kann ich mir noch kein Bild machen. Mein Bruder, zum Beispiel, telefoniert oft mit Geschäftspartnern in den USA; aber irgendwann will er dorthin fliegen, weil er nach den vielen Jahren endlich wissen will, wie diese Menschen aussehen, mit denen er so oft schon gesprochen hat. Sehen bestimmt unser Leben. Das merke ich auch bei Brautpaaren, die fragen, wo in der Kirche man die Videokamera am besten plaziert werden kann. Bei Taufen ist das oft genauso.

Wir halten wichtige Momente gerne in Bildern fest: Geburtstag, Hochzeit, Taufe, das neue Auto, die ersten Schritte des Kindes, die Einschulung. Wir denken oft: Was ich gefilmt oder fotografiert habe, das gehört mir, das nimmt mir niemand weg. Mir ging das so vor Jahren am ersten Tag unserer Safari. Fast ständig habe ich gefilmt, bis mir klar wurde: Ich bekomme das alles ja gar nicht live mit. Wenn ich so weiter mache, wird der Urlaub zur Videokonserve.

Nichts gegen unseren Wunsch, Wichtiges in Bildern festzuhalten. Aber manche Dinge sind und bleiben unsichtbar.

Ähnlich ist das mit Gott, glaube ich. Wir können ihn nicht sehen, sondern “nur” an ihn glauben. Das fällt uns oft schwer - das Glauben ohne das Sehen, das “blinde” Vertrauen. Und weil viele denken: “Ich glaube nur, was ich mit meinen eigenen Augen sehe”, ist es für sie schwierig, an Gott zu glauben.

Auch Mose ging es so. Er wollte den sichtbaren Beweis. Später erfüllte sich, was Gott versprochen hatte: Mose sah Gott, als er an ihm vorübergegangen war, sagt die Bibel. Diese Geschichte kann ich nicht erklären, will es auch nicht. Denn wo Gott und Mensch einander begegnen, da versagen alle Versuche, das Geschehen zu deuten.

Gott erfüllte Mose diese Bitte zwar - aber anders, als der sich das vorgestellt hatte. Mose wollte Gott von Angesicht zu Angesicht sehen, aber Gott sagte zu ihm: “Du darfst hinter mir her sehen.” “Hinter mir her sehen”, das meint: Gott wird erst im Nachhinein sichtbar. Niemals können wir sagen: “Hier IST Gott.” Aber im Nachhinein können wir manchmal schon feststellen: Hier war Gott am Werk, hier hat Gott mich berührt, hier habe ich Kraft von Gott empfangen, hier hat Gott mich an seine Hand genommen, hier hat Gott alles zum Guten gewendet. Diese Gotteserfahrungen im Rückblick habe ich oft erlebt: auf Bergtouren, bei beruflichen und privaten Entscheidungen, an Krankenbetten, überall. Aber niemals hätte ich mitten in dieser Situation daran gedacht: Jetzt ist mir Gott ganz nahe. Ich habe immer erst im Nachhinein zu ahnen begonnen: „Da war Gott jetzt ganz nahe dabei.“

Gottes Nähe im Nachhinein wahrnehmen – da denke ich heute ganz besonders an Sie, liebe Angehörige von Günter Hauß. Wer einen Menschen verliert, der macht wahrlich keine Gotteserfahrung. Aber ich wünsche Ihnen, dass Sie im Lauf der Zeit im Rückblick immer wieder Situationen entdecken, von denen Sie sagen können: „Ja, an dieser und an dieser Stelle war Gott meinem Mann, unserem Vater, unserem Opa ganz nahe. Und vielleicht kommt auch die Zeit, dass Sie sagen können: „Am nächsten war Gott unserem Verstorbenen am 19. Januar, da hat er ihn erlöst und zu sich geholt.“

Gotteserfahrungen – sie können so unterschiedlich sein - ich hoffe, dass Sie und ihr alle schon Vergleichbares erlebt habt. Und euch Konfirmandinnen und Konfirmanden wünsche ich es, dass ihr Gott erlebt und erfahrt - das muss nicht jetzt sein, Gott hat da euer Leben lang Zeit.

Das verbindet uns über alle Altersgrenzen hinweg: dass wir alle leichter an Gott glauben könnten, wenn wir ihn ab und zu zu Gesicht bekämen. Dass wir manchmal zweifeln, das ist nicht verboten. Sogar ein Jünger Jesu, Thomas, hat gezweifelt. Aber umgekehrt dürfen wir auch damit rechnen, dass Gott sich ab und zu in unserem Leben zeigt. Nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern anders: manchmal in einem Menschen, der uns hilft; manchmal in dem, der unsere Hilfe braucht; und ganz oft, erkennen wir Gottes Nähe im Nachhinein, wenn wir auf unerklärliche Weise wieder Auftrieb bekommen. Unser Verstand vertraut dem Auge, aber mehr noch dürfen wir Gottes unsichtbarer Liebe vertrauen. Und die zeigt sich öfter in unserem Leben als unser kleines Gehirn sich das vorstellen kann.

Amen.