Liebe Gemeinde,

vielleicht haben wir noch den Wochenspruch aus dem Buch Daniel im Ohr: „Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“

Zwei Worte prägen diesen Satz:

Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Und beide tauchen auch in Jesu Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg auf, das wir in der Lesung gehört haben: Am Ende des Tages bekommen auch die, die nur wenig gearbeitet haben, einen ganzen Tageslohn und sind sicherlich verwundert über so viel Barmherzigkeit.

Nun gibt es da auch noch die Anderen, die viel länger gearbeitet haben. Die regen sich mächtig auf: „Wir haben den ganzen Tag geschuftet, die nur eine Stunde – und alle bekommen gleich viel, das ist ungerecht!“

Was würden wir sagen zu den empörten Langzeitarbeitern, die sich so ungerecht behandelt fühlen? Es ist ja nicht von der Hand zu weisen, was sie sagen. Was würden wir also sagen?

Liebe Gemeinde, ich hatte mit ihnen zu tun in den letzten Wochen. Und mir ist es schwergefallen, weil es allesamt Menschen sind, die ich sehr mag.

Es ging dabei um meine 12. Klasse drüben am Gymnasium. Dort haben sich einige Schülerinnen beschwert über Noten, die ich gegeben habe. Jetzt gehören Beschwerden über Noten ja zum Schüler- und Lehreralltag durchaus dazu. Aber das Besondere bei dieser Beschwerde war, dass die jungen Frauen sich darüber beschwerten, dass ich einigen Jungen zu gute Noten gemacht hätte – und zwar denen, die faul seien.

„Das ist ungerecht von Ihnen“, sagte eine Schülerin. Was sollte ich antworten? Mir fiel da die Stelle aus dem Gleichnis ein, in der der Weinbesitzer zu einem von denen, die sich so aufregen, sagt: „Mein Freund, ich tue dir kein Unrecht.“ Und so fragte ich dann auch die Schülerin: „Ist die Note, die ich dir gegeben habe, ungerecht?“ Antwort der Schülerin: „Nein, das nicht, aber ich will dann auch eine Note besser haben.“

Liebe Gemeinde, so kann das laufen, wenn man nicht gerecht ist; wenn man das Gegenteil von Gerechtigkeit tut, und das Gegenteil von Gerechtigkeit ist und bleibt: Barmherzigkeit.

Wir reden gerne von der Barmherzigkeit, aber sie hat es schwer in der Welt. Und das hat leider eine lange Tradition:

Schon Jesu Barmherzigkeit kam damals schlecht an in der Welt. Weil er weder die Zöllner noch die Halbweltdamen noch sonstige fragwürdige Gestalten verdammte, wandelte sich die anfängliche Begeisterung seiner Zeitgenossen derart, dass sie am Ende brüllten „Kreuzige ihn!“

Und als 1500 Jahre danach Martin Luther predigte, dass wir zu unserer Rechtfertigung vor Gott nicht unsere guten Werke bräuchten, sondern Einsicht, Demut und Umkehr, brachte ihn das beinahe auf den Scheiterhaufen.

Wie ist das heute? Ist in unserem Leben, in unserer Welt noch Platz für Barmherzigkeit? In der freien Wirtschaft? Ökonomen lehren, dass Geld eine Leistung als Gegenwert haben muss. Also: Ohne Leistung kein Geld.

Im Sport? Natürlich nicht. Man will ja gewinnen.

In der Schule? Meine strebsamen Schülerinnen lehren mich ein klares Nein. Dicke Bücher zur Leistungsbemessung warnen vor den Folgen barmherziger Noten.

Und unter uns Christen, in unseren Gemeinden? Da habe ich, ehrlich gesagt, auch schon erschreckend viel Unbarmherzigkeit erlebt, nicht nur hier.

Doch obwohl es die Barmherzigkeit schwer hat, obwohl, wer barmherzig ist, oft ausgenutzt wird, obwohl es so viele Aber gibt – trotz alledem meine ich, wir sollten uns das noch einmal durch den Kopf gehen lassen mit der Barmherzigkeit. Auch der Chef mit seinem unzuverlässigen Mitarbeiter. Auch die Lehrerin mit Sus, die viel weniger leisten. Auch der Trainer mit seinen schwächeren Spielern.

Denn eines haben sie gemeinsam – die guten Schaffer wie die nachlässigen, die Talentierten und die Bequemen: Sie sind angewiesen auf Anerkennung. Für jeden Menschen ist es wichtig, genau das zu erleben: Ich bin etwas wert.

Und da kommen wir am Ende noch einmal zu den vermeintlich Starken. Die haben ein großes Problem: weil sie immer vergleichen müssen. Weil sie ein Ranking brauchen. Ihren Platz auf der Erfolgstreppe festgelegt wissen wollen.

Und wie ist das bei uns hier? Sind wir auch immer wieder angewiesen darauf, dass wir uns mit Anderen vergleichen?  

Gott jedenfalls hat sagt: „Du brauchst gar kein Ranking. Du musst deinen Wert nicht am Vergleichen festmachen. Du bist so, wie du bist – und so habe ich dich gewollt: mit allen deinen Gaben und mit allen deinen Unzulänglichkeiten.“

Amen.