Liebe Gemeinde,

dass Gott für uns wie ein guter Hirte ist, haben wir im Eingangspsalm bekannt, und auch die Schriftlesung hat dieses Bild noch einmal aufgenommen. Gott, der Hirte, das strahlt Geborgenheit und Wärme aus. Gott, unser guter Hirte: So haben Menschen in Israel Gott schon vor 3000 Jahren angeredet.

Und dann war er weg, der gute Hirte. Als die Wölfe kamen,

war er nicht mehr da. Und die Herde wurde überall hin zerstreut.

Der gute Hirte war weg - so empfanden die Israeliten, was um das Jahr 600 vor Christus geschehen war. Damals waren nämlich die Babylonier ins Land gekommen, hatten Jerusalem samt Tempel zerstört und das Volk in die Gefangenschaft nach Babylon geführt. Unser guter Hirte hat uns im Stich gelassen, klagten die Israeliten.

Nicht wahr haben wollten sie, dass sie die Katastrophe selbst verschuldet hatten:

  • Sie hatten die Gebote Gottes nicht mehr geachtet.
  • Die Propheten, die warnend die Stimme erhoben hatten, die hatten sie erst belächelt, später misshandelt und manche sogar getötet.
  • Und dann waren die Menschen in Israel größenwahnsinnig geworden: Weil sie sich als Gottes Volk für unbesiegbar hielten, hatten sie einen Krieg mit der Weltmacht Babylon angefangen. Den hatten sie verloren, ebenso ihre Heimat.

Noch etwas hatten sie verloren: den Glauben daran, dass Gott sie behüten würde. Verzweiflung prägte die Jahre der Gefangenschaft, mit jedem Jahr wurde die Überzeugung in ihnen größer: GOTT HAT UNS VERLASSEN.

Fast 50 Jahre lebten die Israeliten im Exil. Dann kam - erstmals wieder nach langer Zeit - ein Prophet, den sie den zweiten Jesaja nannten. Der überbrachte ihnen folgende Botschaft von Gott:

Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.

Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser.

Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.

"Ich habe dich für einen Augenblick verlassen." Ein furchtbarer Satz! Doch das war nur Gottes halbe Botschaft. Die andere Hälfte hieß: "Mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln und mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen."

In der Tat wurden Gnade und Barmherzigkeit für die Israeliten binnen weniger Jahre Wirklichkeit: Sie durften zurückkehren in die Heimat, den Tempel wieder aufbauen und neu anfangen.

Eine furchtbare Erfahrung war es, die die Israeliten damals gemacht hatten: die Gottverlassenheit. Jahrhunderte danach starb einer mit den Worten auf den Lippen: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" Das war Jesus, an dessen Leiden wir in den Wochen der Passionszeit denken. Aber an ihm hat Gott gezeigt, dass es für keinen Menschen beim Dunkel bleibt, auch wenn er sich noch so gottverlassen fühlt und ihn sein Leben in einen noch so tiefen Keller geworfen hat.

Menschen, die sich von Gott verlassen fühlen - sie gibt es auch heute noch; sie sind mitten unter uns, und manchmal sind es wir selbst. Von Gott verlassen, von Menschen im Stich gelassen, voll von Traurigkeit und schweren Gedanken, ohne Lebensmut und Zuversicht, wer hat solche Momente noch nicht erlebt?

Es ist nicht so, dass die Welt, in der wir leben, uns keinen Trost anbieten würde für solche dunklen Zeiten. Aber was für ein oberflächlicher und kurzlebiger Trost ist denn das?

"Das Leben geht weiter", heißt es zum Beispiel. Aber was für ein halbherziger Trost ist das für die Familien, die einen lieben Menschen begraben mussten? Wie soll das trösten, liebe Trauerfamilien, die Ihr heute hier seid? Nichts geht so weiter, wie es war, das ist die nackte, die bittere Wirklichkeit.

"Die Zeit heilt alle Wunden", auch das wird als Trost angeboten. Aber nicht eine Wunde wird dadurch geheilt für den Menschen, der voller Wehmut einer Partnerschaft nachtrauert.

"Es wird schon wieder werden", heißt ein anderes Trostwort. Aber gar nichts wird wieder werden für den, der seinen Arbeitsplatz verloren hat und sich nun zu nichts mehr nütze fühlt.

"Alles wird gut", sagt man auch oft. Aber nichts wird gut werden für die alleinstehende Frau aus unserer Gemeinde, die vor zwei Wochen erfahren hat, dass sie an Parkinson erkrankt ist.

"Du wirst darüber hinwegkommen", ist auch ein Schein- Trostwort. Wer das sagt, der vermittelt seinem Mitmenschen nur, dass er mit seiner Traurigkeit nichts zu tun haben will.

Trostworte dieser Welt - sie können und werden uns nie helfen.

Es gibt einen anderen Trost, genau betrachtet ist es der einzige Trost. Er stammt von einem, der das Leiden kannte wie kein anderer, von Jesus. Der hatte Leid bei seinen Mitmenschen gesehen in vielen Formen - Kranke und Behinderte, Sterbende und Trauernde, Verzweifelte und am Rand Stehende. Sie alle hatten durch Jesu Nähe Heil und Heilung erfahren und vor allem den Trost, dass er bei ihnen war.

Bei uns ist das nicht mehr so. Jesus ist nicht mehr sichtbar unter uns wie damals. Aber einen Satz hat er seinen Jüngern mitgegeben, den sollten sie weitersagen an alle Menschen und an alle Welt, es ist Jesu allerletzter Satz, den uns das Matthäusevangelium überliefert: "Siehe, ich bin bei euch an allen Tagen bis an das Ende der Welt."

Das ist einer der Kernsätze der Bibel, den müssen, den dürfen wir uns und anderen immer wieder sagen: Der, auf dessen Namen wir getauft sind, der ist bei uns - an jedem Tag, in jedem Moment, in den guten und auch in den schweren Momenten.

Liebe Gemeinde, wir bleiben nicht von Leid verschont; in unserem Leben gibt es nicht nur helle Momente - wir alle kennen auch die dunklen Momente und Verzweiflungen in unserem Leben.

Aber es macht schon etwas aus, wenn wir uns sagen können: Selbst in unseren ärgsten Nöten, die wir niemandem mitteilen können oder wollen, sind wir nicht alleine, sondern haben einen an unserer Seite, der genau weiß, was Leiden und Tränen, Verzweiflung und Ohnmacht in unserem Leben anrichten können. Er ist bei uns, er lässt uns nicht los, er lässt uns nicht im Stich, denn unser Gott ist kein Schönwetter-Gott, sondern einer, der uns gerade dann festhält, wenn alle anderen uns verlassen.

"Meine Güte soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen." Das ist der große Trost, der uns Menschen helfen kann, dunkle Momente zu überstehen. Er lenkt unseren Blick weg von unserem Leid und richtet ihn auf die Herrlichkeit, die wir nach unserer irdischen Zeit werden erfahren dürfen.

Amen.