Liebe Gemeinde,

viele Wunder hatte Jesus schon getan, er hatte Kranken geholfen, Geängstigten neuen Mut gemacht - so war er zum Hoffnungsträger für viele Menschen in Israel geworden. Aber als er nach Jerusalem einzog, gab es nicht nur Jubelrufe. Einige

beobachteten sehr kritisch, was Jesus tat: die Schriftgelehrten und Pharisäer. Sie lebten wie viele ihrer Zeitgenossen in der Hoffnung, dass bald der Messias kommen sollte, der von Gott gesandte Retter. Und nun fragten sie sich, ob denn dieser Jesus, dem die Massen zujubelten, der Messias sein könnte. So verlangten sie von Jesus ein Zeichen, durch das er sich als Messias erweisen könnte. Davon lesen wir bei Matthäus:

Einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern sagten zu Jesus: „Meister, wir wollen ein Zeichen von dir sehen.“

Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: „Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht fordert ein Zeichen, und es wird ihm kein Zeichen gegeben werden außer dem Zeichen des Propheten Jona. Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein.

Die Leute von Ninive werden auftreten beim Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona.

Jesus ließ sich also überhaupt nicht auf die Forderung nach einem Zeichen ein, sondern wurde böse: “Wenn ihr nicht Zeichen seht und Wunder, so glaubt ihr nicht. Aber es wird euch kein anderes Zeichen gegeben werden als das des Jona.”

Mit Jona erinnerte Jesus an den, der drei Tage und Nächte im Bauch eines Riesenfisches verbringen musste. So wie Jona, würde auch Jesus drei Tage in der Finsternis zubringen, als Toter nach der Kreuzigung, und danach auferstehen. Aber selbst diesem Zeichen würden nur die wenigsten glauben.

Weil Jesus also diesen Unglauben seiner Zeitgenossen voraussah, sprach er dieses harte Urteil: „Ihr sündiges Geschlecht!“ Da suchten sie nach Zeichen, nach Beweisen - dabei stand ER SELBST, Gottes Sohn, der Messias, direkt vor ihnen! Vor ihren eigenen Augen heilte er Kranke, tat Wunder, predigte vom Reich Gottes, und was verlangten sie? Einen Beweis, dass er der Messias war. Sie waren blind für Gottes Gegenwart; sie erkannten nicht, wen sie vor sich hatten.

Sie hatten sich nämlich den Messias vorgestellt als einen, der dreinschlägt, alles verändert und den Himmel auf die Erde bringt. Aber dieser sanfte Jesus war so ganz anders. Wir können heute leicht sagen: “Ja, wenn Jesus zu uns käme, wir würden ohne Zweifel an ihn glauben.” Ich fürchte, dass uns das ähnlich gehen würde wie Jesu Zeitgenossen. Wir messen alles an dem, wie es nach unseren Vorstellungen sein müsste - wir würden Jesus, wenn er zu uns käme, wohl auch nicht erkennen.

Vielleicht denken jetzt einige: "Aber irgendein kleines Zeichen, das könnte Gott uns doch ab und zu geben. Dann könnten wir auch leichter glauben." Dass wir solche Wünsche haben, ist kein Verbrechen. Aber es ist gefährlich, nach Zeichen Gottes zu suchen, ich will das an zwei Beispielen erklären:

Als sich vor gut 30 Jahren Aids immer weiter verbreitete und immer mehr Menschen daran starben, da sagten viele Menschen: Mit Aids gibt Gott der Welt ein Zeichen. Er straft damit die Menschen für ihre Unzüchtigkeit. Liebe Gemeinde, solche Reden waren vor allem aus dem Munde von - so genannten - guten Christen zu hören, aber unbarmherzigere Sätze habe ich nur selten gehört. Wenn das ein Zeichen Gottes wäre, dass Gott Menschen für ihre Sünden durch Krankheit strafen würde, dann müsste die ganze Menschheit in Kliniken liegen.

Das zweite Beispiel: Als vor einigen Jahren das Hochwasser so vieles zerstörte, war unter anderem zu hören: Das ist Gottes Strafe für das, was die Menschheit der Natur antut. Auch das darf niemand sagen. Hochwasser ist kein Zeichen Gottes, sondern eine Folge des von menschlicher Verantwortungslosigkeit verschuldeten Klimawandels. Und wie das oft so ist, trifft es Unschuldige.

Die beiden Beispiele zeigen: Es ist gefährlich, in irgendwelche Geschehnisse ein Zeichen Gottes hineinzuinterpretieren. Jesus wollte uns gerade davor, also vor jedem Herumspekulieren, bewahren: “Es wird euch kein anderes Zeichen gegeben werden als das des Jona!” Dieser Satz gehört in Hirn und Herz eines jeden Christen. Das Zeichen des Jona bedeutet: Wir sollen in unserem eigenen Leben damit rechnen, dass auch wir

manchmal in einer Dunkelheit unseres Lebens landen und wir uns dann erst einmal selbst besinnen müssen, wie es mit uns weitergeht. Aber Gott will und kann uns aus diesen Notlagen auch wieder befreien. Die vollkommene Dunkelheit und die anschließende Errettung - in Jesu Sterben und Auferstehung hat Gott den Menschen damals dieses Zeichen des Jona gegeben. Und bis auf den heutigen Tag will dieses Jonazeichen uns stärken. Es schärft uns ein: Wo du dich vom toten und wieder auferstandenen Herrn leiten lässt, kannst du auch eigenes Leid, Bitterkeit, Verzweiflung, Angst und Scheitern annehmen. Denn du weißt dann: Gott belässt es nicht beim Dunkel für dich, sondern will dich genauso wie Jesus und Jona aus den Finsternissen unseres Lebens auch wieder herausführen.

Diese Botschaft macht das Christentum nicht gerade populär. Viele Menschen wollen gar nichts wissen von Kirche und Glauben, weil man da nichts Beweisbares sieht. O.k., mögen sie so denken. Mögen sie sich von Werbung, vom Fernsehen und dem Trug der Cyberwelt entführen lassen in eine Welt, in der wenigstens etwas passiert und etwas zu sehen ist. Aber genau deshalb braucht die Sache Gottes uns Christen - nicht nur die Kirche, sondern auch uns als Einzelne: Wir sollen nämlich die Zeichen richtig deuten und bekennen: Gott wird uns nur ein Zeichen geben: das Zeichen des Jona. Und das sagt uns: Gott will nicht dein Verderben, sondern er will, dass du aufatmen und leben kannst.

Amen.