Liebe Gemeinde,

wenn wir die Schaufenster der Geschäfte anschauen, dann ist gefühlt schon Ostern. Aber heute am Palmsonntag beginnt die Karwoche – wir denken diese Woche an den, der leiden und sterben musste, an Jesus von Nazareth.

Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen,

wir haben es in der Lesung gehört: Als Jesus nach Jerusalem kommt, wird er mit Jubelrufen empfangen. Ob Jesus wusste, dass sie fünf Tage später "Kreuzige ihn!" schreien würden?

Jesus wollte nicht leiden. Aber er wusste: „Gott will nicht, dass ich nur übers Land ziehe und gefeiert werde. Ich muss seine Botschaft dort verkündigen, wo die Menschen sich Gott besonders nahe fühlen: am Tempel von Jerusalem.“

Hier, in Jerusalem, wird Jesus die Entscheidung suchen, und die treffen seine Landsleute, indem sie ihn an einem Kreuz erhängen. So steht im Mittelpunkt des Palmsonntages einer, der einen Weg voller Qualen vor sich hat

Jesus war nicht der erste, der im Gehorsam gegenüber Gott solch einen Weg ging. Viele Menschen mussten wegen ihres Glaubens leiden, zum Beispiel die Propheten. Sie erinnerten ihre Mitmenschen an Gott und riefen sie auf, Gottes Willen zu tun. Einige bezahlten diese Aufgabe mit dem Leben.

Einer dieser Propheten lebte gut 500 Jahre vor Jesus. Seinen Namen kennen wir nicht, er wird “zweiter Jesaja” genannt. Auch er musste vieles einstecken: Spott, Gelächter, böse Worte und Prügel. Trotzdem konnte er folgendes sagen:

Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.

Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.

Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Er ist nahe, der mich gerecht spricht.

Da lernen wir einen kennen, der einen schweren Weg beschreiten musste, einen Weg, auf dem er trotz aller Qualen sagen konnte: Gott ist mir ganz nahe.

“Alle Morgen weckt er mir das Ohr”, sagt der Prophet, und vielleicht ist es Ihnen aufgefallen: Das klingt wie das Lied, das wir zu Beginn des Gottesdienstes gesungen haben. “Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr” - als Jochen Klepper 1938 dieses Lied schrieb, hat er sich bewusst von den Worten des Propheten leiten lassen. Denn auch er erfuhr, wie schwer ein Leben im Gehorsam gegenüber Gott sein kann. Weil seine Frau Jüdin war, sollte er sich entscheiden: Entweder er trennte sich von ihr oder er bekam Berufsverbot. Jochen Klepper musste nicht überlegen. Vor Gott hatte er seiner Frau die Treue versprochen. Und weil er nun Gottes Geboten gehorchte und nicht dem Nazi-Staat, wurde er schikaniert. Aber flüchten wollte er nicht. “Ich weiche nicht zurück” – auch diesen Satz des Propheten finden wir in Jochen Kleppers Lied. Ich weiche nicht zurück vor der Gottlosigkeit der Menschen; ich räume nicht das Feld, damit andere dieses Land verwandeln können in ein Land, in dem niemand mehr Gott kennt. Erst 1942, erst da wichen die Kleppers zurück, und das auf ihre eigene Weise, indem sie sich gemeinsam das Leben nahmen.

“Ich weiche nicht zurück.” Das sagte fast zur gleichen Zeit auch Dietrich Bonhoeffer, ebenfalls Pfarrer. Von Anfang an stand er Hitler kritisch gegenüber. Das kostete ihn seine Karriere. Dann ging er in die USA, mit offenen Armen hatten sie ihn empfangen, er hätte dort bleiben und ohne Gefahren predigen und lehren können, aber er kehrte nach Deutschland zurück, weil er hier seine von Gott gestellte Aufgabe sah, nämlich Widerstand zu leisten gegen ein Gott und Menschen verachtendes Regime. Das sollte ihn das Leben kosten. Am letzten Dienstag war es 74 Jahre her, dass ihn die NS-Verbrecher im KZ Flossenbürg erhängt haben.

Der unbekannte Prophet, Jesus, Jochen Klepper, Dietrich Bonhoeffer - sie hätten es so einfach haben können: Der Prophet als Ja-Sager; Jesus als Wunderheiler in Galiläa; Jochen Klepper als Rundfunkpfarrer; Dietrich Bonhoeffer als Theologe. Sie hätten es so einfach gehabt, sie hätten nur weg bleiben müssen vom Pulverfass. Aber sie taten es nicht.

Was war es, das sie dorthin drängte, wo das Leid wartete? Sie waren nicht lebensmüde. Sie wollten leben, alle vier. Aber sie spürten auch: Gott ruft mich dorthin, wo es unbequem wird. Diesem Ruf zu folgen, nur das zählte für sie - und alle fanden sie dabei den Tod.

Was aber heißt das nun für uns, für unser Leben? Heißt es, dass wir Christen für das Leid bestimmt sind?

Dass wir leiden, will Gott nicht. Wir dürfen unser Leben genießen. Aber Gott erwartet von uns noch etwas: dass wir nicht flüchten, wenn es unbequem wird. Wir sollen uns auch den unangenehmen, harten Momenten im Leben stellen:

Etwa, wenn es einmal gilt, sich als Christ zu bekennen, den Mund aufzumachen und untragbare Zustände anzuprangern, auch dann, wenn wir uns unbeliebt machen und Ärger und Feindschaft ernten. Das ist dann immer noch das kleinere Übel als wenn wir zu Unrecht und Gottlosigkeit schweigen.

Das kann übrigens auch in eurer Schulklasse sein: Etwa wenn es gilt, denjenigen in Schutz zu nehmen, dem Unrecht geschieht; auch damit schafft man sich keine Freunde, wird oft selber zum Außenseiter; aber auch das ist immer noch besser, als aus Bequemlichkeit zu schweigen.

Wir Christenmenschen haben den Mund aufzumachen. Etwa wenn Menschen aus unserer Mitte öffentlich angegriffen werden. Oder wenn wieder einmal – was manche so gerne tun - über die Kirche hergezogen wird. Mund aufmachen!

“Er will, dass ich mich füge, ich gehe nicht zurück”, hat Jochen Klepper gedichtet. So lasst uns nicht ausweichen, wenn wir einmal etwas für die Sache Gottes tun sollen, auch dann nicht, wenn es unbequem wird. Über all den Widerständen, die das mit sich bringt, liegt Gottes Versprechen, dass er bei uns ist. Deshalb schadet es gar nicht, wenn wir ab und zu innehalten in unserem Alltag und zum Hören bereit werden. Und vielleicht hören wir gerade dann deutlicher als sonst Gottes Ruf.

Amen.