Liebe Gemeinde,

ich habe schon viele Karfreitagspredigten gehalten. Und mit jeder Predigt habe ich noch stärker erkannt: Das, worum es bei Jesu Kreuzigung geht, ist mit unseren Worten nicht zu Ausdruck zu bringen. Wahrscheinlich eher in Liedern. Oder in Geschichten. Eine solche Geschichte

will ich heute erzählen, sie spricht und predigt für sich selbst:

 

Im Mittelalter gab es in der wilden Gebirgswelt des Kaukasus eine Reihe kriegerischer Stämme, die häufig miteinander in Fehde lagen. Einer dieser Stämme war besonders erfolgreich, alle seine Angehörigen bildeten eine feste Einheit. Wenn man die Leute fragte „was schmiedet euch so zusammen?“, dann nannten sie einen Namen, den Namen ihres Feldherrn, den sie über alles schätzten. „Schemil der Gerechte“, so nannten sie ihn. „Jedes Wort, das er sagt, dazu steht er.“

Dieser Feldherr hatte seinen Soldaten ein paar Tage Ruhe gegönnt. Man schlug die Zelte auf, saß beisammen und vertrieb sich heiter die Zeit mit Gesang und Würfelspiel. Doch dann geschah etwas Unerhörtes, noch nie Dagewesenes: An einem Morgen fehlte dem einen ein kostbarer Ring, den er erbeutet hatte, dem anderen ein Becher, dem dritten eine wertvolle Kette. Kameradendiebstahl! Es war, als wenn ein giftiger Nebel durch das Lager zöge. Jeder begann, den anderen misstrauisch zu beäugen, und jeder hatte dabei den Eindruck, selbst wachsam beobachtet zu werden. Freunde werden zu Fremden.

Kameradendiebstahl — die Atmosphäre ist verseucht. Der Feldherr lässt ausrufen: „Wer beim Diebstahl ertappt wird, wird mit der Bastonade bestraft“, jener brutalen Prügelstrafe der alten Welt, die viele gar nicht oder nur als Krüppel überlebten. Das scheint zu wirken. Für ein paar Tage tritt Ruhe ein. Doch die Gitterstimmung bleibt, das Lachen ist verstummt, man singt nicht mehr. Man sitzt da und belauert sich aus den Augenwinkeln.

Da, nach ein paar Tagen, wieder ein Diebstahl. Kein Wunder, dass alle befreit aufatmen, als schließlich ein Bote von Zelt zu Zelt läuft, die Planen hochreißt und schreit „der Täter ist gefasst!“ „Wer ist es denn?“ — „Die Mutter des Feldherrn.“

Die Mutter des Feldherrn?! Die Erleichterung weicht augenblicklich tiefem Erschrecken. Jeder weiß, wie sehr Schemil seine Mutter liebt. Stets hat er sie auf seinen Feldzügen mitgenommen. Immer hat er ihr Zelt neben dem seinen aufrichten lassen. Als sie einmal schwer erkrankte, hat er wochenlang jede Nacht an ihrem Bett gewacht.

Die Mutter des Feldherrn?! Was wird jetzt geschehen? In dieser Nacht gibt es in den Zelten aufgeregte Diskussionen. Die einen sagen: „Gnade vor Recht — anders kann es gar nicht sein. Wir wissen doch, wie er an seiner Mutter hängt. Hier muss die Liebe regieren.“ Die anderen sagen: „Das ist unmöglich. Recht muss Recht bleiben. Heißt er etwa umsonst ‘Schemil, der Gerechte'? Wohin würde das führen? Wenn er einmal sein Wort bricht, wird es je wieder etwas gelten? Wird man nicht sagen, er habe seine Günstlinge? Heute ist es die Mutter, morgen ein anderer. Alle Autorität wäre zerbrochen, das Miteinander zerstört, und wir wären am Ende.“

Liebe oder Recht, das ist die Frage. Am nächsten Morgen ertönt der Trompetenstoß, der die Truppe auf dem Platz versammelt. Der Feldherr, ein wenig bleicher als sonst, tritt aus seinem Zelt. Aus dem anderen Zelt führt man gefesselt die Mutter hervor. Dann spricht Schemil der Gerechte sehr ruhig: „Der Täter ist gefunden, die Strafe wird vollzogen.“ Schon greifen die Büttel nach der Frau, da fährt er fort: „Aber vollzogen wird sie an mir.“

Erstarrt müssen die Leute mitansehen, wie der Mann, den sie alle lieben, sich brutal zusammenschlagen lässt und blutend weggetragen wird. Dabei erfasst sie das große Erstaunen darüber, dass hier beides geschieht, dass das Recht zum Zuge kommt — das Wort wird nicht gebrochen, die Tat wird geahndet! — und dass auf der anderen Seite die Liebe zum Zuge kommt: Der Richter zieht die Schuld auf sich, der Richter wird zum Gerichteten.

Nicht Liebe oder Gerechtigkeit, sondern Liebe und Gerechtigkeit. Und beides in einem, beides ganz und ohne Kompromiss.

http://www.evjugend-darmsheim.de/PageChristlicherInput.RechtoderLiebe.htm

 

Unglaublich – die Liebe dieses Mannes zu seiner Mutter. Unglaublich und fast grenzenlos!

Und wenn wir diese Liebe noch einmal um viele Milliarden Male vervielfachen, dann haben wir eine kleine Ahnung von der Liebe Gottes zu uns Menschen. Diese Liebe hat sich damals am Kreuz von Golgatha über den ganzen Erdball ausgeschüttet – und niemals wird Gott auch nur einen kleinen Deut davon zurücknehmen.

Denn Gott liebt uns Menschen – ob wir’s glauben oder nicht.

Amen.