Liebe Gemeinde,

nicht nur die Natur wird in diesen Tagen neu. Wie wir in der Lesung gehört haben, will Gott, dass auch wir neu werden und gute Früchte erbringen. Laut dem heutigen Predigttext zeigen sich diese Früchte vor allem in

der Liebe: in unserer Liebe untereinander und in unserer Liebe zu Gott. Davon lesen wir im ersten Johannesbrief:

Wer glaubt, dass Jesus der Christus ist, der ist aus Gott geboren; und wer den liebt, der ihn geboren hat, der liebt auch den, der aus ihm geboren ist. Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder lieben, wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten. Denn das ist die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer. Denn alles, was aus Gott geboren ist, überwindet die Welt; und unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.

Johannes-Texte sind meist schwer zu verstehen, aber im Wesentlichen meint der Apostel: Wenn ich an Jesus Christus glaube, bin ich von Gott neugeboren. Und wenn ich diesen Gott lieben will, dann zeigt sich das darin, dass ich seine Gebote halte. Dadurch erfahren auch meine Mitmenschen Liebe. So überwindet mein Glaube die Spielregeln dieser Welt, die sagen, jeder sei sich selbst der Nächste und weiter komme nur, wer seine Ellbogen benutzt.

Über diese Sätze des Apostels will ich ausführlich nachdenken:

Da steht zuerst die Einladung: Wir sollen Gott lieben. So wird das nur ganz selten in der Bibel ausgedrückt. Zwar lesen wir oft und glauben, dass Gott uns liebt; aber dass umgekehrt wir Gott lieben sollen, hören wir nur selten, allenfalls im Gebot: “Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.” Hier steht es nun wieder, ganz eindeutig: Wir sollen Gott lieben.

Ich frage zunächst: Hat Gott unsere Liebe nötig? Natürlich ist Gott nicht zu vergleichen mit unseren Beziehungen, die nur dann leben können, wenn wir den anderen unsere Liebe spüren lassen. Gott erwartet von uns eine andere Art von Liebe – eine, die sich darin zeigt, dass wir unser Leben nach seinem Willen gestalten. Nach Gottes Geboten zu leben, das heißt Liebe zu Gott.

Dann aber schreibt der Apostel etwas, dem wir nicht gleich zustimmen, nämlich: “Gottes Gebote sind nicht schwer.” Stimmt das? Schon beim ersten Gebot kommen mir da Zweifel: “Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“, heißt es da. Aber wie halten wir es mit den anderen Göttern? dem Götzen der Selbstverwirklichung? den Götzen Geld und Besitz? dem Götzen Karriereleiter? dem Götzen, der uns den Sinn des Lebens im Genießen und im Eigennutz finden lässt? dem Gott, dessen Bibel aus dem Satz besteht: “Du bist, was du hast.” Wer unter uns würde keinem dieser Abgötter nachjagen? Schon beim ersten der Zehn Gebote scheitern die meisten von uns. Nicht viel anders ist es wahrscheinlich mit den anderen Geboten: Wie halten wir es zum Beispiel mit der Ruhe, dem Ausspannen am Sonntag, den wir oft dazu brauchen, die liegen gebliebene Arbeit zu erledigen? Wie halten es 40 Prozent aller Eheleute mit der Treue in ihrer Ehe oder Partnerschaft? Wie halten wir es mit dem falschen, bösen Zeugnis, das wir nicht über andere reden sollen? Wie halten wir es mit der Gier nach mehr? Fragen über Fragen, und der Apostel schreibt zu alledem: “Gottes Gebote sind nicht schwer.”

Ich glaube, liebe Gemeinde, ob wir Gottes Gebote leicht einhalten können oder nicht, entscheidet sich daran, wer Gott für uns ist. Wenn Gott für uns der große Weltpolizist ist, der dieses erlaubt, jenes befiehlt und ein drittes verbietet, fällt es schwer, diese Gebote einzuhalten. Denn dann sagt die alte Schlange in uns: “Lass dich halt nicht erwischen, und vielleicht ist das Gebot ganz anders gemeint.” Aber an Gottes Geboten lässt sich nicht herumdeuteln. Diese zielen übrigens nicht darauf, uns Menschen zu gebieten und verbieten. Wenn wir die Zehn Gebote einmal aus einem anderen Blickwinkel ansehen, dann heißt es etwa: “Neben mir brauchst du keine anderen Götter.” Oder: “Gönne dir einen Tag Ruhe in der Woche.” Oder: “Zerstöre nicht das Vertrauen des Menschen, der sein Leben mit dir teilt.” Und auf einmal klingen die Gebote so, als ob ein guter Freund mit uns redet.

Wir können die Zehn Gebote also auch einfach betrachten als Ratschläge eines Freundes. Wenn wir so das falsche Gottesbild aus unseren Köpfen entfernen können, das Bild vom erbarmungslosen Richter, vom Weltpolizisten, vom Staatsanwalt am Ende der Zeit, und wenn wir stattdessen in uns Raum lassen für die Gewissheit “Gott ist unser Freund” – dann begreifen wir, dass Gottes Gebote nichts zu tun haben mit einem Strafgesetzbuch oder Bußgeldkatalog. Gottes Gebote sind ein Freundschaftsdienst an uns Menschen. Sie sind An-Gebote zu einem erfüllten Leben, das Gottes Liebe widerspiegelt in dem, was wir tun - und was wir lassen.

Gottes An-Gebote zum Leben könnten ein neues Miteinander der Menschen bewirken, in unserem Land und weltweit. Denn wenn ich weiß, dass meine Mitmenschen sich an Gottes Gebote halten, klingen die Gebote auch so: “Du musst nicht befürchten, dass dir jemand etwas wegnimmt.” Oder: “Du musst nicht eifersüchtig darüber wachen, ob Dein Lebenspartner dir die Treue hält.” Oder: “Du musst keine Angst haben, dass dir jemand nach dem Leben trachtet.” Gottes Gebote zielen auf eine Gemeinschaft des Vertrauens und ein Miteinander, das in Gottes Liebe wurzelt und dem Mitmenschen Raum zur Entfaltung lässt, und mir selbst.

Diese Kultur des Vertrauens fasst der Apostel zusammen mit den Worten: “Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwindet.” Das heißt, unser Glaube bringt uns auf ein ganz anderes Gleis als das, auf dem andere Züge durch diese Welt rasen. Wir haben weder Diebstahl noch Ehebruch, weder Gotteslästerung noch Habgier noch falsches Zeugnis Mord nötig. Wir müssen uns dem Gesetz des Stärkeren nicht anpassen, denn ein noch Stärkerer hat die Gesetzmäßigkeiten dieser Welt schon lange überwunden. Dass diese Welt das oft nicht wahrhaben will, ist ihre Sache. Es den anderen draußen zu beweisen, dass es sich gut leben lässt mit Gottes An-Geboten, das wiederum ist unsere Sache. Amen.