Liebe Gemeinde,

 

ohne Lieder würde dem Gottesdienst etwas Entscheidendes fehlen. Denn Lieder gehören zu unserem Glauben untrennbar dazu; eine Gemeinde, die nicht singt, kann keine

Gottesdienste feiern.

Wenn wir singen, ertönen oft Lob- und Danklieder. Und dazu haben wir allen Grund: dass wir in Frieden und Wohlstand leben, ein Dach über dem Kopf haben, dass es uns gut geht, dass Menschen mit uns unser Leben teilen - viele Gründe, Gott mit Liedern zu loben, ganz egal, ob im Gottesdienst oder in den eigenen vier Wänden. Aber es gibt auch Bitt- und Klagelieder. Da ist es beim Singen wie beim Beten: Für alles ist Raum vor Gott.

Auch im für heute vorgegebenen Bibelabschnitt geht es ums Singen. Er führt uns in die Anfänge der Christenheit zurück zum Apostel Paulus. Dieser eifrige Missionar - der saß mit seinem Mitarbeiter Silas zusammen. Aber die beiden saßen nicht einfach so zusammen wie wir, nein; diese beiden saßen zusammen - im Gefängnis, in der griechischen Stadt Philippi. Verhaftet, ein Pfarrer heute würde da sein Amt verlieren; aber damals landeten die Prediger des Evangeliums ab und zu schon mal im Gefängnis.

Was hatten die beiden verbrochen? Sie waren mit dem Schiff nach Philippi gekommen, hatten Menschen zum Glauben an Jesus eingeladen - und viele ließen sich taufen. Aber nachdem Paulus auch eine kranke Frau geheilt hatte, kam Unruhe auf: Wer sind die beiden Fremden, die über solche Kräfte verfügen, fragten viele, und was dann geschah, beschreibt Lukas in der Apostelgeschichte:

Da ergriffen sie Paulus und Silas, schleppten sie auf den Markt vor die Oberen und führten sie den Stadtrichtern vor und sprachen: „Diese Menschen bringen unsre Stadt in Aufruhr; sie sind Juden und verkünden Sitten, die wir weder annehmen noch einhalten dürfen, weil wir Römer sind.“

Das Volk wandte sich gegen sie; und die Stadtrichter ließen ihnen die Kleider herunterreißen und befahlen, sie mit Stöcken zu schlagen. Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Kerkermeister, sie gut zu bewachen. Dieser warf sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.

Wie Schwerverbrecher wurden Paulus und Silas behandelt. Da lagen sie auf hartem, modrigen Steinboden, umgeben von Ungeziefer, in Ketten und unfähig zur Bewegung. Und dann geschah etwas fast Unglaubliches, ein großes, großes Wunder:

Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Das hörten die anderen Gefangenen. Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab.

Ich meine mit dem Wunder nicht, dass sich die Fesseln der Gefangenen lösten und die Türen aufgingen; ein Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat, wird ja wohl ohne Mühen Fesseln und Türen öffnen können.

Das wirkliche Wunder ist, dass die beiden Gefesselten mitten in der Nacht Loblieder singen; dass sie trotz ihres Leides noch den Blick für Gott haben, das ist unglaublich, zumal sie mit dem Allerschlimmsten rechnen müssen, schon morgen kann ihr letzter Lebenstag sein. Und dann noch Loblieder singen? Fast unglaublich.

Aber nur fast unglaublich, denn es hat immer wieder Christen gegeben, die genau das getan haben: Sie haben Gottes Lob gesungen in Situationen, die anderen die Luft abgedrückt hätten:

  • etwa Christen der ersten drei Jahrhunderte, die singend in die Arena in Rom gingen, obwohl sie wussten, dass sie wenige Augenblicke später von Raubtieren zerfleischt werden würden;
  • oder Christen in den KZs, die sich abends zu Andachten versammelten und am Ende "Lobe den Herren" sangen;
  • oder die Schwarzen im Amerika der 60er Jahre, die bei friedlichen Demonstrationen selbst dann noch Gott mit ihren Gospels lobten, als schon weiße Polizisten auf sie einprügelten.

Ob in Philippi, in Rom, in Buchenwald oder in Atlanta oder an vielen anderen Orten der Erde: Was macht Menschen dazu fähig, in solchen Situationen Gottes Lob zu singen? Ich staune über Gott, dessen Geist Menschen durch den Gesang Flügel verleihen kann, mit denen sie sich über ihr eigenes Leid zu erheben vermögen.

Diese Geschichte von damals hat auch mit uns zu tun, aber es geht nicht nach dem Motto: "Lobe Gott, dann fallen deine Fesseln ab." Gottes Eingreifen lässt sich nicht erzwingen, und viele leidende Menschen wurden und werden nicht aus ihren Nöten befreit.

Aber trotzdem singen bis auf den heutigen Tag Menschen auch in schweren Zeiten das Lob Gottes und bezeugen mit ihren Liedern: Die Wirklichkeit Gottes ist stärker als die Welt, in der wir leben und unter der wir oft auch leiden.

Auch uns kann das Singen frei machen von Fesseln, frei von unseren Traurigkeiten, frei von der Resignation angesichts der vielen Dinge, die in unserem Leben nicht in Ordnung sind.

Und ab und zu geht es uns dann ähnlich wie Paulus und Silas. Ab und zu spüren wir die großartige Verwandlung, die das Singen in uns bewirkt. Da spüren wir: Wenn ich auch noch so gelähmt bin, weil mich Ängste und Sorgen fesseln - ich kann noch singen! Und manchmal, da fallen durch unseren Gesang Fesseln von uns ab - die Fesseln der Angst, der Hoffnungslosigkeit, der Einsamkeit.

Deshalb: Cantate - Singt! Lasst euch nicht die Kehle zuschnüren trotz allem, was euch Angst macht. Das hat nichts zu tun mit dem, was andere als Pfeifen im Wald verspotten. Es ist vielmehr so, wie der indische Philosoph Tagore es ausgedrückt hat: "Glaube ist ein Vogel, der noch singt, wenn die Nacht dunkel ist."

Cantate - Singt und stärkt auf diese Weise euren Glauben. Singt, auch wenn mitunter falsche oder unsichere Töne aus euch herauskommen. Singt, denn es hilft nicht nur euch, sondern vielleicht auch denen, die euch hören.

Cantate - Singt! Wir Christen könnten auf Erden mehr bewirken, wenn wir mehr singen würden. Vielleicht wären wir glaubwürdigere Zeugen der Botschaft Gottes, wenn wir fröhlicher singen, wenn uns häufiger Loblieder von den Lippen kämen.

Darum: Singt! Cantate!

Amen.