Liebe Gemeinde,

der Geschichte von der Ausgießung des Heiligen Geistes, die wir in der Lesung gehört haben, bin ich erstmals

im Kindergarten begegnet. Unsere Diakonisse hatte uns ein Bild gezeigt, mich faszinierten die Feuerzungen auf den Häuptern der Apostel. Das konnte ich nicht begreifen, dass es auf dem Kopf eines Menschen brannte.

Erst später habe ich verstanden, dass die Flammen Symbole für etwas sind, das wir nicht in Worte fassen können: den Geist Gottes. Den hatte Jesus seinen Jüngern versprochen für die Zeit nach seinem Dasein. Sie sollten spüren, dass Gott ihnen weiterhin nahe war. Ob dargestellt als Feuer oder Wind - viel wichtiger als alle Bilder ist das, was Gottes Geist bewirkt. Dazu berichtet uns der Evangelist Johannes von folgenden Worten Jesu aus der Zeit, bevor er die Jünger verließ:

Jesus sagte: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat. Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“

Im Grunde genommen bewirkt der Heilige Geist nur eines: Er erinnert an Jesu Worte, so hat Jesus es gesagt. Wo aber brauchen wir das, dass Gottes Geist uns an Jesu Worte erinnert?

An Jesu Worte erinnert zu werden, das hat zunächst einmal die Kirche nötig, deren Entstehung wir heute feiern.

Die Kirche ist alt geworden, Millionen von Menschen in unserem Land habe ihr den Rücken gekehrt. Und das macht vielen von uns Not, die in dieser Gemeinde mitarbeiten. Wir beklagen oft, wie wenig wir geworden sind in unseren Gottesdiensten. Wir klagen darüber, dass selbst neue Ideen keine Resonanz finden. Wir klagen darüber, dass wir Christen zu einer Minderheit in einem gottfernen Land geworden sind. Wenn wir aber für einen Moment aufhören zu klagen, still werden und Gottes Geist sprechen lassen, dann erinnert der uns an Jesu Worte: „Verzage nicht, du kleine Herde. Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“

Mich tröstet das oft: Egal, wie viele wir sind, der Auferstandene ist mitten unter uns. Jesus schert sich nicht um Zahlen - er ist da. Natürlich hätte ich es auch lieber, wenn die Leute hier nicht nur dahingingen, wo es etwas zum Essen oder Musik gibt. Ganz zu schweigen vom Gottesdienstbesuch: letzten Sonntag waren acht Menschen da - Kirchendienerin, Organistin und Prädikantin mit eingerechnet. Wie gut tut uns da der Heilige Geist - er bewahrt uns vor Verzweiflung und lehrt uns, auf das Wesentliche zu achten - und das sind eben nicht Zahlen. Das, womit eine kirchliche Veranstaltung steht und fällt, das ist, dass Jesus in unserer Mitte ist.

Das heißt nun nicht, dass wir als Gemeinde sorglos sagen sollten: Was wir nicht schaffen, überlassen wir Gottes Geist. Wir sind als Einzelne wie als Gemeinde immer neu gefordert, andere Menschen zum Glauben einzuladen, und da haben wir auch kreativ zu sein: Konfirmand/inn/en, Taufen und Trauungen sind dabei eine stets aufs neue wichtige Anfrage an uns, ob wir das schaffen, dass für andere Menschen der Glaube an Jesus wichtig wird. Aber wir dürfen uns davon lösen, an Zahlen die Überlebenschancen der Kirche abzulesen. Ob und inwieweit die Kirche bestehen bleibt, das bestimmen nicht wir, auch nicht die, die die Kirche ablehnen, sondern allein unser auferstandener Herr, schließlich ist er das Haupt der Kirche, er allein.

Warum eigentlich hat Jesus den Aposteln seinen Geist geschenkt und die Kirche gegründet. Er wollte, dass es eine Gemeinschaft von Menschen gibt, die an ihn glauben und sein Werk fortführen. „Daran wird man euch als meine Jünger erkennen, dass ihr einander dient und untereinander Liebe habt“ - diese Worte Jesu führten Dietrich Bonhoeffer zu der Einsicht: „Kirche ist nur dort wirklich Kirche, wo sie für andere da ist.“ Das heißt für uns als Christen und Glieder der Kirche: „Hört auf, danach zu fragen, wie die Kirche über die Runden kommt. Aber fragt: Für wen können wir, für wen kann ich da sein?“

Wer so fragt, bekommt eine Antwort. Wir haben da zu sein für alle Menschen, die an sich selbst zweifeln - ihnen können wir Mut machen, weil Jesus den Wert eines Menschen nicht von Besitz, Leistung oder Ansehen abhängig gemacht hat. Wir haben da zu sein für die sozial Benachteiligten, deren Rechte niemand verteidigt; für die Einsamen, die tagelang mit keinem Menschen reden können; für die Alten, die sich wertlos fühlen; für die Kranken, deren Lebensbereich sich auf zwei Quadratmeter verengt hat; für die Menschen, deren Partnerschaften und Lebensentwürfe zerbrechen - für all die haben wir da zu sein.

Uns brauchen auch die, denen es gutgeht: die Selbstsicheren, um sie an den Dank an Gott zu erinnern; die Reichen, um sie davor zu bewahren, Seelenheil und dickes Konto miteinander zu verwechseln; die Mächtigen, um sie vor dem Größenwahn zu warnen. Für so viele können und müssen wir da sein.

Der Heilige Geist, der uns an Jesu Worte erinnert, gibt uns zum einen die Gewissheit, dass der Auferstandene in unserer Mitte ist. Zum anderen erinnert er uns daran, dass die Kernfrage, die eine Gemeinde zu stellen hat, heißt: „Für wen sind wir da?“

Falls sie diese Pfingstpredigt bald vergessen sollten, tut dies dem Wachstum des Reiches Gottes keinen Abbruch. Aber bitte behalten Sie das eine in Erinnerung: Wir sind nicht alleine. Um uns dessen zu vergewissern, feiern wir jetzt Abendmahl.

Amen.