Liebe Festgemeinde,

in der Schriftlesung haben wir gehört, dass man eine Gemeinde, und überhaupt jede menschliche Gemeinschaft, vergleichen kann mit einem menschlichen Körper. Und da lässt sich gut erkennen, dass wir alle

voneinander abhängen und Unterstützung der Gemeinschaft brauchen, weil wir sonst verkümmern.

Noch deutlicher bringt das ein Märchen aus Peru zum Ausdruck, und bevor ich es vorlese, bitte ich alle, schon beim Hören diese Geschichte zu beziehen auf jeweils eine Gemeinschaft, zu der ihr gehört: das kann die Schulklasse sein oder die Ausbildungsgruppe, der Musikverein oder die Fußballmannschaft, die Familie oder der Verein, der Kirchenchor oder die Arbeitsgruppe am Arbeitsplatz. Also denkt bitte alle an diese eine Gruppe eurer Wahl, wenn ich nun die Geschichte vorlese.

Man erzählt, dass in der Schreinerei einmal eine seltsame Versammlung abgehalten wurde. Es war eine Versammlung aller Werkzeuge, die ihre Unterschiede und Besonderheiten klären wollten.

Zunächst war der Hammer der Leiter der Versammlung, aber die Werkzeuge beschlossen, dass er den Vorsitz abgeben sollte. Warum? „Wir finden, dass du zuviel Krach machst. Und überhaupt machst du die ganze Zeit nichts anderes, als auf anderen herum zu schlagen.“

Der Hammer akzeptierte seine Schuld, aber er sagte: „Ich finde, dass auch die Schraube ausgeschlossen werden muss, denn man muss sie viel zu oft im Kreis herum drehen, bis sie zu etwas nützlich ist.“

Auch die Schraube gab klein bei, sagte aber: „Ich finde, dass auch das Schmirgelpapier nicht in Frage kommt, denn es ist in seinem Umgang sehr rau und außerdem ständig in Reibereien mit anderen verwickelt.“

Und das Schmirgelpapier war einverstanden unter der Bedingung, dass auch das Metermaß ausgeschlossen würde. „Das Metermaß beurteilt die anderen immer nur nach seiner Größe und meint ständig, es sei das einzig perfekte.“

In diesem Moment kam der Schreiner herein und machte sich direkt an seine Arbeit. Er benutzte den Hammer, das Schmirgelpapier, das Metermaß und die Schraube. Und so machte er aus einem groben Stück Holz ein wunderschönes Möbelstück.

Als die Werkzeuge der Schreinerei wieder unter sich waren, trat die Versammlung noch einmal in Beratung und dieses Mal ergriff die Säge das Wort: „Meine Damen und Herren, es hat sich gezeigt, dass wir alle unsere Schwächen haben, aber der Schreiner arbeitet mit unseren Fähigkeiten und Stärken. Das ist es, was uns so wertvoll und besonders macht. Deshalb schlage ich vor, dass wir nicht mehr an unsere negativen Eigenschaften denken, sondern uns auf unsere Stärken konzentrieren.“

Und so bemerkte die Versammlung, dass der Hammer stark war, und die Schraube vereinen und zusammenhalten konnte. Das Schmirgelpapier konnte feiner machen und Ungereimtheiten ausgleichen und das Metermaß war genau und exakt. Sie fühlten sich fortan als eine starke Truppe, die in der Lage war, Möbel von Qualität herzustellen.

Und sie waren mächtig stolz auf ihre Stärken und dass sie zusammen arbeiten konnten.

 

Ich bin mir sicher: Wenn Jesus dieses Märchen aus Peru schon gekannt hätte, dann hätte er es sicher auch erzählt. Und er hätte uns die befreiende Botschaft dieses Märchens erklärt. Die heißt nämlich: Ich MUSS nicht alles tun. Ich DARF und SOLL anders sein.

Stellen Sie sich vor, es klingelt an der Haustüre. Ein Nachbar steht da und sagt: „Leih mir mal bitte ein Werkzeug aus, mit dem ich hämmern, schmirgeln, schrauben, sägen und messen kann!“ Dem würden sie ja auch sagen, „So was gibt es nicht.“

Und genauso wenig gibt es den Menschen, der alles kann. Oder alles macht. Oder dessen Gesicht allen passt.

Würde Jesus dieses Märchen von der Schreinerei auslegen, würde er sagen: „Ich brauche euch alle – jede und jeden von euch – denn jeder und jede von euch kann etwas Wichtiges, und keiner kann alles.“

Wir nicken innerlich mit den Köpfen – und tun uns in der Praxis doch so schwer damit. Gerade in einem Dorf fallen immer wieder die auf, die anders sind als die Masse. Über die, die nicht mit dem Strom schwimmen, schüttelt man den Kopf, zieht über sie her und macht einen Bogen um sie.

Aber wenn alle gleich wären, wenn alle das Gleiche könnten und wenn alle das Gleiche NICHT könnten – wie langweilig wäre das! Wenn der Chor nur noch einstimmig sänge, wenn im Musikverein alle das gleiche Instrument spielen würden, wenn in unserem Dorf jeder ein Abziehbild des Anderen wäre – wie furchtbar langweilig wäre das!

Wie es im Werkzeugkasten das Metermaß braucht, braucht es auch in jeder menschlichen Gemeinschaft Menschen, die mit Augenmaß etwas beurteilen können. Wie es den Hammer braucht, so braucht auch jede menschliche Gemeinschaft diejenigen, die die Anderen immer wieder mal gehörig aufwecken aus Gewohnheiten und Trägheiten. Wie es die Schrauben braucht, so sind wir alle angewiesen auf Menschen, die sich um den Zusammenhalt innerhalb der Gruppe kümmern. Wie man ohne Schmirgelpapier nicht auskommt, muss auch in menschlichen Gemeinschaften ab und an Klartext gesprochen und ein Streit ausgetragen werden. Und so wie es der Säge bedarf, ist es überall ganz wichtig, dass ab und zu mal alte Zöpfe abgeschnitten werden.

Unter Strich, liebe Gottesdienstgemeinde, ist die Botschaft des Märchens wie die Botschaft der Bibel eindeutig: Verschiedenheit, Unterschiedlichkeit ist ein Qualitätsmerkmal. Diese Qualität braucht Gott, um sein Reich in dieser Welt zu bauen – und dazu kann er jeden und jede von uns brauchen. Amen.