Liebe Gemeinde,

die Lesung gerade endete mit: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen.“

Dieser Bibelvers hat etwas Beruhigendes an sich. Allerdings erinnert er mich auch ganz beunruhigend daran, dass wir nicht in einer heilen, sorgenfreien Welt leben. Die Nachrichten führen uns das vor Augen, die Todesanzeigen in den Zeitungen, die Sorgenfalten in den Gesichtern von Nachbarn, die Menschen, die an der Pfarrhaustür läuten, es gibt viel Not. Auch wenn man in eine Kirche geht, sieht man das oft, mir ist sie in diesem Sommer in gleich drei Städten begegnet: In Trier, in Passau, in Innsbruck – überall saßen vor den Kirchen Menschen, die um ein Almosen bettelten.

Manchen mag das lästig sein, aber es hat eine alte Tradition: Im alten Israel gab es vor dem Tempel eine Stelle, die für Menschen bestimmt war, die um ein Almosen baten. Da saßen sie dann den ganzen Tag: Arme, Alte, Witwen, Kranke, Entstellte, Behinderte. Sie konnten nichts Anderes tun als zu betteln und auf ein Almosen zu warten. Von allem waren sie ausgeschlossen: arbeiten konnten sie nicht mehr, am religiösen Leben durften sie nicht teilnehmen, vom früheren sozialen Umfeld waren sie abgeschnitten. Es gab keine Krankenversicherung, man brachte die Kranken dorthin, wo Almosen gegeben wurden.

Bettler vor der Tempeltüre – was uns befremdet, war damals etwas ganz Normales. Eben dort spielte sich kurz nach der Zeit Jesu folgendes Geschehen ab, das in der Apostelgeschichte berichtet wird:

Petrus und Johannes gingen hinauf in den Tempel. Und es wurde ein Mann herbeigetragen, der war gelähmt von Mutterleibe an; den setzte man täglich vor das Tor des Tempels, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen.

Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Petrus aber blickte ihn an und sprach: Sieh uns an!  Er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!

Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte stehen und gehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.

Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben.

Eine richtig schöne Heilungsgeschichte ist das. Auch die Jünger konnten dank der Kraft Jesu Menschen wieder gesund machen. Doch wenn wir das heute lesen, kommt fast so etwas wie Wehmut auf: „Warum geht das heute nicht mehr?“

Und dann fragen wir vielleicht weiter: Warum werden die einen gesund? Warum bekommen Andere wenigstens noch eine Frist? Und warum müssen so viele so schnell sterben?

Wer der Frage nach dem „Warum“ nachgeht, der kommt irgendwann zu der Einsicht: Es gibt darauf keine Antwort. - Aber keine Antwort, das ist immer noch besser als das, was traurigen Menschen manchmal gesagt wird, nämlich: „Alles wird gut“. Ganz ehrlich und aus eigener Erfahrung: Es gibt keine unbarmherzigere Weise, Menschen abzuspeisen, als mit dieser Floskel. Von wegen „Alles wird gut!“ Und es leiden ja nicht nur Kranke:

Der eine verliert seinen Job; eine andere erlebt, dass trotz aller Anstrengungen die Ehe nicht mehr zu retten ist; ein anderer hat den Traumjob gefunden, der dann aber anderweitig vergeben wird; und eine ist einsam unter Menschen und bleibt unbeachtet.

„Alles wird gut.“ Das ist ein Satz, der einfach nicht stimmt. Das Leben eines jeden Menschen ist der Beweis dafür.

Petrus und Johannes haben die „Alles-wird-gut“-Floskel damals nicht gebraucht. Sie konnten den Gelähmten sogar heilen. Wir können das nicht. Aber trotzdem können wir von den beiden einiges für uns selbst lernen im Blick auf unsere Begegnungen mit Menschen, denen es schlecht geht. Es sind genauer gesagt, vier Schritte.

Schritt 1: „Petrus blickte ihn an“, heißt es da. Es ist viel gewonnen, wenn Menschen in Not erleben: Die Anderen nehmen mich wahr. Sie sehen mich und meine Not.

Schritt 2: „Petrus sprach“, heißt es weiter. Ein unscheinbarer Satz. Aber ein ganz wichtiger. Viele Menschen, ganz besonders kranke, machen die Erfahrung, dass Andere einen Bogen um sie machen und tagelang niemand kommt oder anruft. Und viele haben auch schon erlebt, wie Andere die Straßenseite gewechselt haben, um jemanden nicht auf seine Not ansprechen zu müssen. Reden, liebe Gemeinde, und nicht feige ausweichen. Das sollen wir nach Jesu Willen, und das können wir auch.

Schritt 3: „Petrus ergriff ihn bei der rechten Hand“, lesen wir. Hoffnung auf Heilung? Was änderte sich dadurch für den Gelähmten? Er spürte: Dieser Mensch ist jetzt wirklich für mich da; der nimmt mich nicht nur im Vorbeigehen war, sondern der nimmt sich Zeit für mich.

Schritt 4: „Petrus richtete ihn auf“, steht da. Sollen wir das etwa auch tun? Können wir das, ist das nicht eine Überforderung? Jein. Es wäre eine Überforderung, wenn wir uns vornehmen würden: „Diesen traurigen Menschen richte ich jetzt wieder auf.“ Das können wir nicht planen. Oft aber ist für einen Menschen in Not die Erfahrung „Da ist noch jemand da, der meine Not teilt“ so stärkend, dass ihn das wirklich wieder ein Stück aufrichtet.

Und danach? Nach diesen vier Schritten?

Danach ist Raum für das Wirken Gottes. „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen“ – die Worte des Wochenspruches versprechen uns, dass wir nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.

Und deshalb können immer wieder Menschen – vielleicht auch wir selbst – im Rückblick auf die Notzeiten ihres Lebens bekennen: „Wir haben Gottes Spuren festgestellt.“

Amen.