Liebe Gemeinde,

wir feiern hier unseren Gottesdienst in einer Kapelle. Der Turm, die Glocke, der Altar weisen diese Kapelle aus als ein Gotteshaus, also als einen Ort, an dem wir Gottes Nähe besonders erfahren und erleben können.

Orte der Gotteserfahrung können aber auch anders aussehen. Denn als Jesus lebte, traf er viele Menschen in ihrem Zuhause an, ja, er suchte sie in ihren Häusern auf – und durch die Begegnung mit Jesus konnte ein Haus auf eine ganz besondere Weise

zum Gottes-Haus werden.

Von einem solchen Haus, in dem Jesus war, erzählt auch der heutige Bibelabschnitt aus dem Markusevangelium:

1 Und nach etlichen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und es wurde bekannt, dass er im Hause war. 2 Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort. 3 Und es kamen einige, die brachten zu ihm einen Gelähmten, von vieren getragen. 4 Und da sie ihn nicht zu ihm bringen konnten wegen der Menge, deckten sie das Dach auf, wo er war, gruben es auf und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag. 5 Da nun Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. 6 Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen: 7 Wie redet der so? Er lästert Gott! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein? 8 Und Jesus erkannte alsbald in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Was denkt ihr solches in euren Herzen? 9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin? 10 Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – sprach er zu dem Gelähmten: 11 Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim! 12 Und er stand auf und nahm sogleich sein Bett und ging hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben solches noch nie gesehen.

Die Heilung des Gelähmten durch Jesus machte ein gewöhnliches Haus zu einem Gotteshaus. Und damals wie heute kommen die unterschiedlichsten Menschen in ein Gotteshaus: Neugierige, Frohe, Trauernde, Menschen mit Hoffnungen und mit Sorgen. Aber das wäre es dann schon mit den Gemeinsamkeiten: Denn während sich die Menschen damals vor dem Haus drängten, ist uns solches im Blick auf unsere Kirchen eher fremd – leider. Da ist also Jesus in ein Haus in Kapernaum gekommen und erzählt von Gott. Viele, viele wollen das hören. Es ist proppevoll. 

Dann kommen noch ein paar Menschen – sie sind spät dran. Sie wollen ganz nahe an Jesus herankommen, denn sie haben einen dabei, der Jesus ganz besonders braucht: einen, der nicht mehr selber gehen kann und von seinen Freunden getragen werden muss. Weil sie zur Türe nicht hineinkommen, haben sie eine Idee: Sie decken das Haus ab, bei den damals mit Brettern abgedeckten Häusern ist das kein Problem, und lassen ihren Freund mit Trage an Seilen hinunter - so landet der direkt vor Jesus.

Weil damals alle glauben, dass Krankheit eine Folge von Sünden ist, sagt Jesus zu dem Gelähmten: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Das bringt nun die anwesenden Schriftgelehrten in Rage: „Nur Gott kann Sünden vergeben!“ protestieren sie im Stillen. Jesus durchschaut sie. Damit sie glauben, dass Gottes Kraft in ihm wirkt, macht er vor ihren Augen den Kranken gesund: „Steh auf, nimm dein Bett und geh!“

Zu dieser Geschichte sind mir vier Punkte besonders wichtig:

Da ist erstens die Tatsache, dass andere Menschen den Freunden des Gelähmten im Weg stehen und sich derart um Jesus drängen, dass für andere kein Durchkommen ist. Wenn ich das auf heute übertrage, frage ich mich: Stehen wir manchmal auch anderen im Wege? Hindern wir – vielleicht unwissentlich – andere daran, den Weg zu Jesus zu gehen? Kann es sein, dass wir andere blockieren, dass wir sie abhalten, dass wir sie vielleicht auch abschrecken durch all das, was wir tun oder nicht tun, sagen oder nicht sagen? Es ist für mich eine offene Frage, ich weiß es nicht.

Das zweite Bemerkenswerte ist die Sache mit dem Dach. Die Freunde sind sensationell kreativ – was sie da machen, ist spektakulär: Sie fangen einfach an, das Dach abzudecken, und bitte lassen Sie uns nicht vergessen, dass es nicht das Haus jener Männer ist. Ich weiß nicht, ob der Besitzer des Hauses da so begeistert war, als sich sein Dach so langsam, aber sicher aufgelöst hat… Das kann uns nicht passieren. Unser Dach ist dicht. Was aber ist mit unserer Kirchengemeinde? Haben wir uns ein Dach über den Kopf gezogen, das undurchlässig ist? Klappe zu und dicht? Oder sind wir offen für das, was von außen kommt? Also offen zum Beispiel für Menschen, die ihren Zugang zu Jesus eben nicht durch die offizielle Tür – Taufe und Konfirmation – finden, sondern irgendwann zu unserer Gemeinde stoßen, auf vielleicht ganz ungewohnten Wegen. Ist für diese Menschen Platz? Haben Sie eine Möglichkeit hereinzukommen, wenn sie nicht die Türe benutzen wollen?

Das dritte gefällt mir besonders gut: Jesus fragt den Gelähmten nicht nach seiner Vorgeschichte, dunklen Punkten. Er fragt auch nicht nach Buße. Jesus fragt gar nichts. Ich empfinde es als wohltuend, dass Jesus einfach sagt: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Punkt. Jesus war nicht in die Welt gekommen, die Sünder zu verdammen – sonst hätte kein Mensch eine Chance. Jesus kam in die Welt, um uns aus dem Dunkel herauszuholen und zu retten. Punkt.

Dann noch das vierte: Es heißt in der Geschichte: „Als Jesus ihren Glauben sah, sprach er: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ Als Jesus IHREN Glauben sah, heißt es da, verstehen Sie? Es geht um den Glauben derer, die den Mann zu Jesus gebracht haben. Es geht um einen – wenn wir so wollen – ‚stellvertretenden Glauben’. Der starke Glaube der Anderen ist der Schlüssel zum Heil dieses armen Mannes. Das heißt bis heute: Dein Glaube kann auch für einen anderen zum Heil und zur Rettung werden. Auch du kannst das, denke daran, wen du hintragen kannst zu Jesus: und zwar indem du für einen anderen betest und Jesus ans Herz legst. Du, Mutter oder Vater, kannst dein Kind im Gebet zu Jesus bringen; du, Frau oder Mann, kannst im Gebet deinen Partner hintragen zu Jesus; du, Pfarrer, kannst im Gebet deine Konfirmanden ein Stück näher zum Heil bringen.

Diese biblische Geschichte gibt besonders viel her. Sie gibt uns viele Fragen zum Nachdenken mit, sie weist uns Aufgaben zu, die wir zu tun haben und für die wir Kraft brauchen: eine Kraft, die Gottes Geist in uns wirkt; eine Kraft, die Gott uns schenkt; eine Kraft, derer wir uns hier in dieser schönen Kapelle immer wieder vergewissern dürfen, in der wir uns Gott besonders nahe fühlen können.

Amen.