Liebe Gemeinde,

für die Vorstellung der Kirchengemeinderatskandidaten kann kein Zeitpunkt geeigneter sein als der Reformationsgottesdienst. Denn er erinnert uns an eine Zeit, in der es eben das nicht gab: dass Menschen vor Ort mitbestimmen, was und wie Kirche ist. Die Kirche wurde vor 500 Jahren von oben nach unten regiert.

Sich dagegen aufzulehnen, war lebensgefährlich. Wer vor 500, 600 Jahren anders dachte,

anders redete als die eine große Kirche des Papstes, der wurde als Ketzer beschuldigt, und dann drohte Haft, Folter, Scheiterhaufen. Einer der ersten, der trotzdem mutig den Mund aufmachte, war Martin Luther.

Dass Luther gegen den Ablass gepredigt hat, dass Luther die Thesen an die Kirchentüre in Wittenberg angeschlagen hat, dass Luther den Zölibat abschaffte – all das ist bekannt und wird auch in Filmen immer wieder gewürdigt.

Aber etwas anderes, was Luther vollbracht hat, vergessen wir immer wieder; etwas, das uns so selbstverständlich ist, dass wir es zumeist gar nicht mehr wahrnehmen: nämlich, dass es Kirchengemeinden gibt als Einrichtungen, in denen Menschen vor Ort bestimmen dürfen, wie Gottesdienste gefeiert werden, wofür Geld investiert wird und was für die Menschen am Ort angeboten wird.

Dies ist für mich mit das größte Verdienst von Martin Luther: dass unsere evangelische Kirche nicht von oben nach unten regiert wird, sondern dass die einzelnen Kirchengemeinden die Stützpfeiler unserer ganzen Kirche sind. Deshalb heißt es in unserer Grundordnung gleich am Anfang: „Die Evangelische Landeskirche in Baden baut sich von ihren Gemeinden her auf.“

Und auch im Blick auf die einzelnen Glieder der Kirche war Martin Luther wahrhaft revolutionär. Während die Kirche seiner Zeit klar gegliedert war in die allwissenden Geistlichen und in die unwissenden Laien, sprach Martin Luther vom „Priestertum aller Gläubigen“ und sagte: „Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon zum Priester, Bischof und Papst geweiht sei.“

Also begrüße ich euch und Sie alle als Kollegen und Kolleginnen und als Menschen, die durch ihre Taufe das Zeug zum Bischof haben; einen Dom haben wir ja schon.

Umgekehrt heißt das aber auch: Für die Kirche ist jeder und jede mitverantwortlich. Das heißt: Wenn etwa Menschen über „die Kirche“ schimpfen – dann schimpfen sie unterm Strich über sich selbst. Wenn jemand sagt „Die Kirche müsste endlich“ – dann sagt er bei Lichte besehen: „Ich müsste jetzt endlich einmal.“ Und wer sagt, die Kirche sei leblos und altmodisch, der ist vielleicht genau der Mensch, der neuen Schwung in den Laden bringen könnte.

Und an genau diesem Punkt bin ich so unheimlich dankbar für euch fünf Kandidatinnen und Kandidaten für die Wahl zum Kirchengemeinderat. Danke, dass ihr bereit seid. Danke, dass ihr einen Teil eurer kostbaren freien Zeit eurer Kirchengemeinde schenkt, um sie mitzugestalten.

Ihr könnt und ihr sollt hier eure Gaben und Befähigungen einbringen. Davon ermuntert euch die Bibel mit folgenden Worten aus dem ersten Korintherbrief:  

Liebe Brüder und Schwestern, so verschieden die Gaben auch sind, die Gott uns gibt, sie stammen alle von ein und demselben Geist. Und so unterschiedlich auch die Aufgaben in der Gemeinde sind, so ist es doch derselbe Herr, der uns dazu befähigt. Es gibt verschiedene Wirkungen des Geistes Gottes; aber in jedem Fall ist es Gott selbst, der alles bewirkt. Wie auch immer sich der Heilige Geist bei jedem Einzelnen von euch zeigt, seine Gaben sollen der ganzen Gemeinde nützen. Dem einen schenkt er im rechten Augenblick das richtige Wort. Ein anderer kann durch denselben Geist die Gedanken Gottes erkennen und weitersagen. Wieder anderen schenkt Gott durch seinen Geist unerschütterliche Glaubenskraft oder andere Gaben. Und so empfängt jeder die Gabe, die der Geist ihm zugedacht hat.

Eine unserer Hauptaufgaben wird sein, dass hier die geistlichen Bedürfnisse aller Gemeindeglieder gestillt werden und dass jeder Mensch das bekommt, was er braucht. Das gilt für junge Menschen, die ihre Ehe unter Gottes Segen stellen wollen; für Familien, die ihre Kinder taufen oder konfirmieren lassen wollen; und es gilt für diejenigen, die einen Menschen hergeben müssten. Wer trauert, muss sich nicht verstecken, sondern darf hierher kommen mit allen Sorgen, schweren Gedanken und Tränen.

Das ist Gemeinde nach Luthers Willen. Und gleichzeitig Gemeinde nach dem Willen der Bibel. Es gilt in jeder Gemeinde der Auftrag aus dem Römerbrief: „Freut euch mit den Fröhlichen, und weint mit den Weinenden!“

Ich bin dankbar, dass ich zu einer Kirche gehöre, in der all dies möglich ist und die einen bei einem falschen Wort weder ins Gefängnis noch auf den Scheiterhaufen schickt – all das hat es in der Geschichte der Kirche schon vielfach ereignet.

Trotz dieser Dankbarkeit weiß ich – und wir wissen es alle -, dass in unserer Kirche manches sehr, sehr fragwürdig ist. Aber deshalb der Kirche den Rücken zukehren? Nein.

Ich werde nicht vergessen, wie vor fast 30 Jahren ein Kollege aus Sachsen mir gesagt hatte: „Unsere Kirche ist wie meine alte Mutter. Sie ist manchmal merkwürdig, ist faltig und runzlig und wahrhaft keine Schönheit. Und dennoch höre ich nicht auf, meine Mutter zu lieben.“

Liebe Gemeindeglieder, lasst uns nicht aufhören, unsere Kirche zu lieben oder sie zumindest wertzuschätzen. Und denkt dran: Angesichts unserer runzligen Kirche können wir alle dazu beitragen, sie ein wenig zu liften.

Amen.