Liebe Gemeinde,

ganz ehrlich: trauern wir am Volkstrauertag? Sind wir heute aufgestanden mit einem Gefühl von Traurigkeit tief in uns drinnen?

Aus meiner Kindheit erinnere ich mich noch an

eine große Traube schwarzgekleideter Menschen, die sich auf den Weg zum Friedhof machten – die selbstverständlich zuvor alle im Gottesdienst waren. Und heute? Am Volkstrauertag nagt der Zahn der Zeit.

Aber wir müssen diesen Tag unbedingt am Leben erhalten angesichts der brutalen Verbrechen, die von unserem Volk an anderen Menschen begangen wurden. Den Volkstrauertag pflegen, ist noch aus drei anderen Gründen wichtig:

  • 20 Millionen Tote des Ersten Weltkrieges, 7 Mio Ermordete in den Konzentrationslagern, 55 Millionen Tote des Zweiten Weltkrieges – sie rufen uns heute zu: „Vergesst uns nicht!“
  • 74 Jahre Frieden in Mitteleuropa, die Überwindung des Eisernen Vorhanges und ein Europa, das Grenzen nicht mehr nötig hat – all das mahnt uns: „Schaut dankbar auf den sicheren Rahmen, in dem ihr lebt.“
  • 3000 Jahre Prophetie, 2000 Jahre Bergpredigt, 500 Jahre Reformation – das sagt uns bis heute: „Richtet euer Leben immer und immer wieder nach Gottes Willen aus. Hinterfragt eure Gewohnheiten und seid offen für Wege zum Guten!“

Im Religionsunterricht letzte Woche konnte die Mehrheit meiner Schüler mit dem Begriff ‚Volkstrauertag‘ nichts anfangen. Aber sie haben eine sehr wichtige Frage gestellt, nämlich: „Was hat eigentlich die Kirche gegen die Nationalsozialisten getan?“

Die erschütternde Antwort heißt: Die Kirchen haben fast nichts getan. Der sicherte Papst den Nazis zu, dass die katholische Kirche sich raushält aus allem, wenn man nur in Ruhe Gottesdienste feiern darf; und in der evangelischen Kirche gab es eine Mehrheit mit Pfarrern, die keine Scheu hatten, im Talar den Arm zum Hitlergruß zu erheben - und Gemeindeglieder, denen das „Heil Hitler“ leichter über die Lippen kam als das Lob Gottes. Aber Gott schenkte seinen Kirchen auch Menschen, die von dem nationalsozialistischen Gedankengut nicht infiziert waren; Christen, mit einem wachen Verstand, die einen kühlen Kopf bewahrten; Christen, die unglaublich mutig waren und unter dem Einsatz ihres Lebens sich offen zu Gott als dem einzigen Herrn bekannten:

Ich denke an den katholischen Kardinal von Galen, der entschieden gegen die Euthanasie predigte und viele Behinderte vor der Ermordung durch die Nationalsozialisten bewahrte; oder an Hans und Sophie Scholl, die mutig mit Flugblättern gegen den Krieg protestierten und dafür auf dem Schafott landeten; an den evangelischen Pfarrer Paul Schneider, der aus dem Folterbunker des KZs Buchenwald heraus die Auferstehungsbotschaft verkündigte, bevor er von SS-Leuten zusammengeschlagen wurde; an Pater Maximilian Kolbe, der an der Stelle eines Vaters von zwei Kindern freiwillig in den Tod ging.

Es gab Menschen, die auch unter der Herrschaft des Teufels sich zu Jesus bekannten – mitten im Toben des Krieges.

Einer von diesen bewundernswerten mutigen Menschen war acht Jahre lang hier als Pfarrer tätig. Hans Schwindt bot den Nationalsozialisten die Stirn und ließ sich auch von braunen Gemeindegliedern nicht einschüchtern. Dafür schickten sie ihn erst an die Westfront und dann, nach Auskurieren seiner Verwundung, an die Ostfront, wo er bei einem Angriff ums Leben kam, übermorgen ist sein 77. Todestag.

Es ist sehr, sehr traurig, dass bis zum heutigen Tag sein Name noch immer auf dem Denkmal für die Gefallenen auf dem Friedhof fehlt – einer, der hier im Ort lebte, hier für die Menschen da war, einer, der in Russland von Kugeln durchsiebt wurde. Sein Name steht immer noch nicht da, und das ist unverständlich im Blick auf einen, der mehr für das Dorf bewirkt hat als wir ahnen.

Wenn Hans Schwindts Name schon nicht auf dem Denkmal steht, ist es umso wichtiger, dass wir selbst zu lebendigen Denkmälern dieses Mannes werden, einem Mann, der jedem Christen und jeder Christin in Rheinbischofsheim zum Vorbild gereicht.

Wenn wir nun heute an Menschen denken, die sich nicht einschüchtern ließen, was kann das für uns Christen heißen?

Unsere erste Aufgabe als Christenmenschen ist, friedfertig zu sein und Frieden zu stiften. Doch gleichzeitig entbindet uns das nicht von der Pflicht, die Wahrheit auszusprechen. Eine Unwahrheit um des Friedens willen bringt nicht dauerhaft den Frieden. Wir müssen manchmal auch Zivilcourage zeigen. Wir dürfen uns trauen, unangenehme Wahrheiten anzusprechen und zur Gerechtigkeit aufrichtig zu stehen. Wo wir uns von Jesu Geist des Friedens leiten lassen, lernen wir im Lauf der Zeit gar, Konflikte ohne die Waffe des bösen Wortes oder der üblen Nachrede auszutragen.

Der Volkstrauertag mahnt uns zum Frieden in all unseren Lebensbereichen – gebe Gott, dass wir die vielen Kleinkriege unseres Lebens öfter zu einem friedlichen Ende führen können. Amen.