Liebe Gemeinde,

"Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden", mahnt uns der Wochenspruch aus dem 90. Psalm. Die Worte sind unerbittlich: "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden." Die Frage ist nun: Was heißt klug leben? Kluges Leben angesichts unserer Sterblichkeit. Dazu geben uns zwei nichtbiblische Texte und ein biblischer Gedanke Anregungen.

Ein Text, der mich sehr zum Nachdenken gebracht hat, stammt von Jasmin Schindler. Er heißt:

12 letzte Worte, die du garantiert nicht sagen wirst

  • "Ich hätte mehr Zeit im Büro verbringen sollen!"
  • "Ich wünschte, ich hätte mehr Geld!"
  • "Ich hätte mehr Schuhe kaufen sollen!"
  • "Ich hätte mehr Zeit bei Facebook verbringen sollen!"
  • "Ein Glück, dass ich immer wusste, was Prinz William und Kate so treiben!"
  • "Bloß gut, dass ich alle Staffeln von DSDS gesehen habe!"
  • "Ich bin froh, dass ich die Weltreise damals nicht gemacht habe!"
  • "Bin ich zu dick?"
  • "Gut, dass ich den Kontakt zu meinen Freunden habe einschlafen lassen!"
  • "Gut, dass ich auch zur Arbeit ging, als ich 40 Grad Fieber hatte!"
  • "Gut, dass ich alle Erwartungen an mich erfüllt habe!"
  • "Gut, dass ich nie gesagt habe, was ich wirklich denke!"

Ich gehe davon aus, dass in der Tat niemand von uns auch nur einen dieser Sätze sagen würde. Liebe Gemeinde, wenn uns also im Rückblick auf unsere Leben all diese Dinge unwichtig sein werden, warum rennen wir ihnen jetzt noch hinterher?

"Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden."

Um klug werden angesichts unserer Sterblichkeit geht es auch bei einem Buch, auf das ich vor einige Jahren gestoßen bin. Es stammt von Bronnie Ware. Sie arbeitete acht Jahre als Palliativpflegerin, begleitete ihre Patienten bis zum Tod - und hörte in den Wochen davor in den Gesprächen mit den Sterbenden oft das Bedauern darüber, nicht das Leben gelebt zu haben, das sie sich gewünscht hatten - und Reue angesichts der Entscheidungen, die man getroffen oder nicht getroffen hatte.

Und weil fünf Dinge immer wieder auftauchten, nannte Bronnie Ware ihr Buch: „Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bedauern.“ Und diese fünf Dinge sind folgende:

  1. "Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben"
  2. "Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet"
  3. "Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meine Gefühle auszudrücken"
  4. "Ich wünschte mir, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden aufrechterhalten"
  5. "Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein"

Als ich das erstmals las, bin ich sehr erschrocken. Ich fühlte mich ertappt. Und vielleicht ist es manchen ähnlich ergangen. Aber es geht nicht darum, uns zu erschrecken, sondern uns aufzuwecken angesichts der vielen Dinge, die wir uns – aus welchem Grund auch immer – verbieten. Noch ist Zeit, liebe Gemeinde, aber wie viel Zeit noch ist, wissen wir nicht.

"Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden."

Der allerwichtigste Gedanke aber führt uns zu der Einsicht, dass der wesentliche Bestandteil der Klugheit angesichts des Todes nicht etwas ist, das wir ändern sollen oder müssen – sondern etwas, woran wir heute noch einmal ganz besonders erinnert werden: nämlich, dass der Tod eben nicht das Ende ist. Es kommt, so haben wir vorhin in der Bibel gehört, noch das ganz andere Leben auf uns zu, in einer ganz neuen Zeit und in einem ganz anderen Reich, in dem niemand mehr weinen muss; in einem Reich, in dem es keine Tränen mehr gibt, weil Gott selbst sie uns abgewischt hat; in einem Reich, in dem der Tod jeden Schrecken verloren hat, weil es den Tod nicht mehr gibt.

Auf dem Weg dorthin sind unsere Toten, die wir so schmerzlich vermissen; auf diesem Weg sind auch wir – heute schon, unser Leben lang.

Auch für uns wird hier oder anderswo einmal am Altar eine Kerze brennen. Das macht Angst. Und gleichzeitig dürfen wir unserem und jedem anderen Tod entgegenblicken mit der gleichen Gewissheit, die Dietrich Bonhoeffers letzte Worte waren. „Dies ist das Ende – für mich ist es der Anfang.“

Amen.