Liebe Gemeinde,

die Schriftlesung für den 1. Advent ist traditionell die vom Einzug Jesu in Jerusalem, wir kennen die Geschichte von Kindheit an, und vertraut sind uns die Palmzweige, der Esel und die Hosianna-Rufe der vielen Menschen. Sie hatten sich auf Jesu Ankunft gefreut, weil sie

große Erwartungen an Jesus knüpften:

- dass nun Gerechtigkeit und Liebe in die Welt einziehen würden;

- dass nun das Ende der Römerherrschaft anbrechen würde;

- dass mit Jesus nun ein mächtiger König Israel zu altem Glanz zurückführen würde.

Jahrhunderte lang hatten die Israeliten all ihren Mut und Hoffnungen aus den Worten der Propheten geschöpft - die hatten das Kommen eines Königs versprochen, durch den sich alles zum Guten wenden würde. Kein normaler König würde das sein, sondern der Messias, der Gesalbte, der Auserwählte Gottes.

Als sich dann die Kunde verbreitete, dass da einer Kranke heilte, Mutlosen neue Hoffnung gab und vom Reich Gottes redete, da wussten auch die Menschen in Jerusalem: Jetzt kommt er, der Messias, der mit allem Leid und Not ein Ende macht. Aber als er dann endlich kam, trauten die erwartungsvollen Menschen in Jerusalem ihren Augen nicht:

Da kam ihr König, aber wo war sein Gefolge? Wo war sein Heer, mit dem er für Gerechtigkeit und Frieden sorgen würde? Die paar armseligen Männer und Frauen, die ihm folgten, konnten es ja wohl nicht sein. Ob er sein Heer im Bergland gelassen hatte?

Noch etwas machte sie stutzig: Selbst der mittelmäßigste römische Offizier pflegte auf einem stolzen Pferd zu reiten, ganz zu schweigen vom römischen Statthalter, dessen Wagen vier prachtvolle Pferde zogen. Aber dieser neue König Israels saß auf einem ganz normalen Esel. Verwundert rieben sich die Jerusalemer die Augen: Sollten sie sich geirrt haben?

Doch sie wollten es trotz der fragwürdigen Begleitumstände gerne glauben, dass dieser Mensch der verheißene König, der Messias war. So jubelten sie ihm zu, riefen Hosianna und legten zur Begrüßung Palmzweige auf den Weg.

Dieselben Menschen, die bei Jesu Ankunft Hosianna riefen, brüllten einige Tage später „Kreuzige ihn“ und ließen ihn hinrichten. Denn Jesus war nicht der König, den sie sich erwartet hatten. Er war nicht der, der die Römer aus dem Lande hinauswarf und das neue mächtige Reich Israel gründete. Er war bei den Jerusalemern gnadenlos durchgefallen

Wir müssen nicht den Kopf schütteln über die Israeliten, denn wir hätten nicht anders reagiert. Wir haben den Vorteil, dass wir den Fortgang der Geschichte kennen. Deshalb können wir gut mit diesem ärmlichen König leben. Ja, er gehört sogar zu unserem Jesusbild dazu - der ärmliche König auf dem Esel. Aber was ganz romantisch finden, Jesus auf dem Esel, war der Anfang vom Ende.

Dass Jesus per Esel nach Jerusalem kam, war kein Zufall, deutlich wird das am besten durch einen Vergleich mit der Gegenwart: Wir beobachten auch heute noch im Fernsehen die Ankunft von Königen, es hat sich nur wenig geändert in 2000 Jahren. Ob Könige oder Politiker - zu ihren Treffen lassen sie sich vorfahren in großen, dunklen Staatskarossen. Stellen Sie sich vor, ein hoher Politiker würde im mausgrauen Trabbi vorfahren. So ähnlich wirkte das mit Jesus auf dem Esel. Und damit verstehen wir wahrscheinlich, was hinter dem Esel steckt, auf dem Jesus nach Jerusalem einzog, nämlich ein ganzes Programm. Das lautet: Seht, euer Gott hält es nicht mit Prunk, Lautstärke und Macht, sondern mit den Stillen und Machtlosen. Advent heißt: dem Menschen auf dem Esel vertrauen und nicht selbst auf hohem Roß durchs Leben zu galoppieren.

Nur wenige haben das damals verstanden.

Zu denen, die es verstanden, hatte schon 30 Jahre zuvor Maria gehört. Als ihr ein Bote Gottes angekündigt hatte, dass sie den Messias zur Welt bringen würde, lobte sie Gott mit den Worten: „Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen, er erhebt die Niedrigen und stößt die Mächtigen vom Thron.“ Maria blieb eine der wenigen, die erkannten, dass Gott ausgerechnet in diesem machtlosen und gewaltlosen Mann zu den Menschen kommen würde. Selbst seine Jünger hatten Zweifel, und als Jesus gekreuzigt wurde, machten sie sich aus dem Staub - für sie hatte Jesus verloren.

Vielleicht hätten auch wir oft lieber einen Jesus, der mal auf den Tisch haut, der den Mächtigen deutlich sagt, wo’s langgeht. Aber Jesus sah seinen Platz weder bei den Lauten noch bei den Mächtigen. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Immer noch erinnert der Advent uns daran, dass Jesus alle Menschen am Herzen liegen: also auch die ganz Einfachen, die sonst niemand wahrnimmt; auch die Schüchternen, die die lauten Worte meiden; auch die Traurigen, die niemanden erheitern können; auch die Ratlosen, die nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll; auch die Geschwächten, die von sich aus nichts mehr auf die Reihe bringen.

Auch dazu passt der Esel ganz gut: Dieses Lasttier erinnert an das, was Jesus damals sagte und was bis heute noch gilt: nämlich dass wir ihm seine Lasten vor die Füße legen dürfen; dass er uns Schweres tragen hilft, wo wir es einfach nicht mehr schaffen; und wo uns die Lasten unseres Lebens fast erdrücken, nimmt er sie von unserem Rücken – oder schickt uns Menschen, die uns tragen helfen.

Und umgekehrt kann das für uns bedeuten, dass wir aufmerksam bleiben für überlastete Menschen und vielleicht tatsächlich dem einen oder anderen eine Last abnehmen können. So ist es keine Beleidigung, wenn ich uns heute ermuntere dass wir einander zu Adventseseln werden können: in unseren Familien, im Kreis unserer Freunde, in euren Schulklassen, an unseren Arbeitsplätzen.

Und da, wo einer dem anderen Lasten abnimmt, wo eine für die andere da ist, da wiederholt sich, was sich vor gut 2000 Jahren ereignet hat: Da wird der Himmel einen Spalt weit geöffnet.

Amen.